STIMME von und für Minderheiten # 28
Patchwork-Identitäten
von Susanne Dermutz
Das Mädchen ist die beste Turnerin in ihrer Umgebung; ihre körperlichen Fähigkeiten, am schnellsten auf den Baum zu klettern und auf den nächsten zu springen, allen anderen davonzulaufen und dem Abschuß mit dem Ball immer wieder zu entkommen, sind unüberbietbar, auch von den Buben. Für die durchwegs etwas älteren Mädchen ist sie zur Bedrohung geworden, die die Dominanz der Älteren in Frage stellt. Zum "Glück" für diese hat die Turnerin zwei Defizite: eine sehr dunkle Haut und pechschwarze Haare und - die SchulkollegInnen wissen es - eine Rechenschwäche.
Die Turnerin muß in der Gruppe "vorrechnen", und meistens kann sie die Aufgaben nicht lösen und wird ausgelacht. Das untergräbt ihre körperliche Dominanz und mindert ihren Rang in der Gruppe. Wenn die anderen Kinder sie als "Afrikanerin" oder als "Neger" bezeichnen und nach den großen Ohrringen fragen, dann stört dies weniger die Turnerin (die ja gar keine Kraushaare hat und die Rechenkontrollen sehr fürchtet), wohl aber deren Mutter. Sie holt die Turnerin von der Gruppe weg, und ihre Bedrohung aufgrund der überragenden körperlichen Fähigkeiten verschwindet. Die Buben, die sich aus dem Gerangel der Mädchen meistens raushalten und das Vorrechnen nicht mögen, kommen dann wieder und beteiligen sich.
Umgang mit Differenzen
Stören besondere Fähigkeiten das Herstellen eindeutiger Machtpositionen und Hierarchien? Läßt das Aushandeln von Status Differenzierungen nicht zu? Wer agiert aufgrund welcher und von wem entwickelter oder übernommener Wertigkeiten?
Es ist bekannt, daß Kinder in relativ jungen Jahren die Ungleichheiten zwischen arm und reich, faul und fleißig, dazugehörig und ausgegrenzt, weiblich und männlich und ähnliches differenzieren sowie mitunter auch mit herstellen können. Wichtig dürfte dabei die Zugehörigkeit zur sozialen Gruppe als Quelle von Selbstwert sein, speziell dann, wenn die Unterschiede betont werden sollen, die anderen eingeordnet werden und vor allem Dominanz und hoher Status angestrebt sind.
Aber was ist, wenn Kinder mit denen gerne zusammen sein wollen, von denen sie sich gleichzeitig distanzieren sollen?
Konfliktfrei ist das Erlernen des Umgangs mit Unterschieden allemal nicht, auch nicht widerspruchslos. Und jemanden (wie die Turnerin) auszugrenzen und zu diffamieren, weil sie etwas kann und besondere Kompetenzen und Fähigkeiten hat, produziert Gefühle - der Scham vielleicht oder des Zweifels, der Peinlichkeit -, und die verspürte Ungerechtigkeit will in Gerechtigkeit verwandelt werden.
Kulturelle Abwehrmuster helfen dabei ebenso wie die Angebote der herrschenden Moral.
Exklusive Gruppenzugehörigkeit
Vor kurzem war ich zu einem Vortrag anläßlich der Gründungsfeier einer dem Selbstverständnis nach sozialen Frauenorganisation eingeladen. Wohl nicht ganz zufällig am Kärntner Landesfeiertag. Ich referierte über Frauenrealitäten in Österreich - die Armut im Alter, die Geschlechterungleichheit in Hinblick auf Ausbildung und Einkommen sowie Arbeitsverteilung, aber auch über die Zunahme der Ungleichheiten unter Frauen. Unruhe war eine Reaktion, Aggressivität eine andere, und die mitgeteilte Botschaft: Frauen könnten doch alles erreichen, wenn sie nur wollten, aber viele seien faul oder bequem, greifen die Möglichkeiten nicht auf oder wären vom Sozialstaat verwöhnt. Ein Mann stellte mir, übrigens noch bevor ich mit dem Vortrag begonnen und nachdem ich einige Worte mit ihm gewechselt hatte,
die Frage, ob ich mit Männern überhaupt reden würde.
Das Fest und die Gründung der Frauenorganisation, zu der viele andere vergleichbare Vereinigungen gekommen waren, um die Ausweitung des Kreises der "Serviceeinrichtungen" zu feiern, hatte ganz eindeutig ich-stärkende Funktion: Zum guten Ruf gehört das caritative Engagement, das Hervorheben der eigenen Tüchtigkeit und des Pflichtbewußtseins angesichts derer, die dies verweigern. Das "Gute" im Menschen setzt sich allemal durch gegen Ungerechtigkeiten und Ungleichheiten, auch wenn "die Guten" nicht so genau wissen wollen, warum das so ist, und ihre Erklärungsmodelle nicht in Frage gestellt wissen wollen. Schon die Gruppenzugehörigkeit verschafft Status, und je exklusiver die Gruppe oder der Verein, um so höher der Rang, der vergeben wird.
Individuelle Selbstentwertung
Wenngleich Frauen aufgrund der gesellschaftlichen Geschlechterordnung in zweitrangiger Position sind, ist es nicht ausgeschlossen, daß sie ihre eigene Zurücksetzung kompensieren, und es ist für ihre Identitätsbalance nahezu eine Bedingung, daß sie sich in der eigenen Anpassung bestätigen. Der Druck aufgrund erhöhter rigider Anpassungsforderungen verlangt nach Ventilen, und sei es über Ausgrenzungen oder Unterordnungsmechanismen.
Es ist ja wohl nicht zu übersehen, daß emanzipatorische oder gar feministische Positionen von Frauen eben nicht alle Frauen teilen. Der Anti-Feminismus lehrt: Die Anpassung an patriarchale Normen bedeutet, daß frau sich um die Wahrnehmung oder gar das Eingeständnis der eigenen Diskriminierung herumschwindeln kann, daß mit Hilfe der Distanzierung von der diskriminierten Gruppe ein "Schutz" herstellbar ist. Freilich hat diese Strategie ihren Preis: den der individuellen Selbstentwertung.
Die Schaffung einer eigenen Gemeinschaft mit Gleichen bei Ausgrenzung der Anderen stützt und ermöglicht die Entwicklung einer positiven Identität als Reaktion auf die Selbstentwertung. Die Homogenisierung der Gruppe nach innen und die Distanzierung nach außen produziert eigene Kulturen, die soziale Identität zulassen und zum Ausdruck bringen.
Einheitliche Identität
Sprache, Kleidung, Rituale, Ansprüche und vieles mehr sind Elemente der sozialen Identität, die gelebt werden wollen. Werden diese Elemente von Identität allerdings zum alle anderen beherrschenden und unumstößlich übergeordneten Identitäts-Anteil, so wird Identitäts-Verleugnung eingefordert. Als Angehörige einer Minderheit muß ich den Normen der Minderheit entsprechen, wenn ich deren soziale Identität aufnehmen will. Müssen eigene Erfahrungen und Orientierungen ausgegrenzt werden, wenn diese Minderheit glaubt, als homogene Gruppe agieren zu müssen?
Die Phase der Latzhosen hatte zu Beginn der neuen Frauenbewegung eine solche Bedeutung; folgenreicher für den Selbst-Wert der Frauen war die Politik des Gebär-Streiks oder die Politik mit dem Körper. Der Themenbereich "Feminismus und Mutterschaft" ist nach wie vor ein konfliktvolles und mit teilweise unversöhnlichen Gegensätzen überlastetes Feld der Widersprüchlichkeiten und Auseinandersetzungen.
Die verweigerten oder verleugneten Identitäten, das Aufnehmen nur vereinzelter Elemente von Identitäten, die eben nicht bestimmten Normen von sozialen Gruppierungen zugeordnet werden können, schaffen zumindest Verwirrungen.
Sind Lösungen in Sicht?
"Patchwork-Identitäten" (Keupp/Bilden1) verweisen immerhin auf mehrfachen Bezug auf verschiedene Lebenswelten und ermöglichen Differenzierungen im Selbst-, aber auch Gruppenverständnis. Und: Minderheiten müssen aber auch nicht nur Minderheiten sein.
Das Konzept einer einheitlichen Identität ist nicht lebbar, und die Lösung davon sollte nicht nur diskutiert werden.
Susanne Dermutz ist Assistenzprofessorin am Institut für Erziehungswissenschaft und Bildungsforschung der Universität Klagenfurt.
1 Keupp, Heiner / Bilden, Helga (Hg.): Verunsicherungen. Das Subjekt im gesellschaftlichen Wandel. Göttingen 1989. ![]()