STIMME von und für Minderheiten # 29
Über die Meinung vom Sterben der anderen
von Erwin Riess
Heutzutage bringen die Menschen mit erstaunlichen Beschäftigungen ihre Zeit zu. Sie sind UFO-Forscher, Anhänger des Satanskults, selbstgeißelnde Bigamisten oder bekennende Analphabeten in Führungspositionen. Da verwundert es nicht, daß sich in manchen Ecken der Welt Menschen finden, die sich ein Steckenpferd daraus machen, den Tod anderer Menschen herbeizureden.
Die Meinungs- und Versammlungsfreiheit gilt für jedermann, also auch für Anhänger der Euthanasie. So kam es, daß die Sterbehelfer der Welt sich zu Vereinen zusammenschlossen, die programmatische Namen tragen: "EX-International" heißt einer dieser Vereine, der vom deutschen Euthanasiebefürworter Hackethal gegründet wurde, und diesem Verein fühlt sich auch der "Arbeitskreis Menschenwürdig Sterben" verbunden, der seit einiger Zeit von sich reden macht. Dem Arbeitskreis gehören Philosophen, Juristen und - emeritierte - Mediziner an. Peter Michael Lingens besorgte die Redaktion eines einschlägigen Manifests, Sepp Wille, ehemaliger SPÖ-Klubobmann, vertritt den Arbeitskreis in der Öffentlichkeit. Kern des "Manifests für menschenwürdiges Sterben" ist die vielfach variierte Forderung, der Staat möge den Menschen Selbstbestimmung auch in ihren letzten Stunden gewährleisten. Fremdbestimmung versus Selbstbestimmung laute der Konflikt. Daß diese Fragestellung eine falsche ist, soll im folgenden gezeigt werden.
Von der Selbstbestimmung
Fremdbestimmung erzählt von einem gesellschaftlichen Zusammenhang, aber der bleibt unverstanden, und so glänzt der Begriff der Selbstbestimmung im Licht des Mißverständnisses. Ich werde nicht gefragt, ob ich die jährlichen Mieterhöhungen gutheiße, warum sollte ich da beim Sterben etwas mitzureden haben? In einer Gesellschaft, die auf Fremdbestimmung gründet, ausgerechnet fürs Sterben Selbstbestimmung einzufordern, ist eine rückwärtsgewandte Utopie, mit einem Wort: barbarisch. Fremdbestimmung ist nur ein anderes Wort für Arbeitsteilung, und wer jene als entfaltetes gesellschaftliches Wesen begreift, weiß auch, daß das Geschrei um Selbstbestimmung ein Nachhall aus vergangener Zeit ist, als der Bourgeois damit gegen die Aristokratie um die politische Herrschaft focht. Der Begriff der Selbstbestimmung sperrt sich von vornherein gegen seine Ausdehnung auf die Gesellschaft. Eine Gesellschaft selbstbestimmter Menschen wäre eine mit sich identische, wäre ein Tollhaus, und am Ende der Selbstbestimmung läge ein Schlachtfeld. Das Selbstbestimmungsrecht ist eine Keule, die über dem Kopf des Nächsten geschwungen wird, weil einem die eigenen Verhältnisse über den Kopf gewachsen sind. In einer Epoche, in der betriebswirtschaftliches Rechnen die Gesellschaft mit Pragmatismus durchwirkt, ist der Begriff der Selbstbestimmung eine einzige Blamage.
Besonders deutlich tritt dies an der "Selbstbestimmt-Leben-Bewegung" behinderter Menschen zu Tage, der ich mich so lange verbunden fühlte, bis ich einsah, daß der Begriff "Independent Living" ein Etikettenschwindel ist. Es geht bei allen Maßnahmen zur Förderung behinderter Menschen um die Aneignung vorenthaltener Wirklichkeit, um die Teilhabe an einem Zipfel gesellschaftlicher Macht, nicht aber um die Selbstbestimmung der Person. Nicht ghettoisiert zu werden, nicht abgeschoben, ausgegrenzt, von Sonderfahrtendiensten geführt, in Sonderschulen ausgebildet und in aussondernden Werkstätten arbeiten zu müssen - das ist das Ziel für beide, für die Behinderten und die Gesellschaft. Manche nennen es Integration, man kann es aber auch ohne den Zwang, der diesem Begriff innewohnt, begreifen als die gelassene Akzeptanz anderer Lebensformen.
Auch in der Behindertenpolitik taugt der Begriff "Selbstbestimmung" nur als Kampfbegriff gegen Paternalismus und Aussonderung; jenseits dessen ist er nicht mehr als eine Worthülse. Was wäre das auch für eine Welt, in der die Behinderten selbstbestimmt leben, ihre nichtbehinderten Angehörigen, Freunde und Kollegen aber allen Spielarten von Fremdbestimmung ausgesetzt sind? In einer Diktatur selbstbestimmter Behinderter bleibe ich keinen Tag.
Unangemessene Lebensverlängerung
Das Sterben ist, philosophisch gesehen, eine vertrackte Sache. Man kann darüber nur spekulieren. Die Erfahrung, sonst der Lehrmeister aller Erkenntnis, läßt hier aus. Wer über das Sterben redet, redet also über seine Meinung vom Sterben. Das gilt umso mehr, wenn man sich über das Sterben anderer Menschen den Kopf zerbricht.
Meinung ist die Setzung eines subjektiven, in seinem Wahrheitsgehalt beschränkten Bewußtseins als gültig, schreibt Adorno. Indem ein Mensch seine durch keinerlei Erfahrung erhärtete Meinung als die seine proklamiert, verleiht er ihr durch die Beziehung auf sich selbst Autorität. Selten, daß es bei harmlosen Meinungen bleibt. Die Instanz, welche den Menschen die Entscheidung über Meinung und Wahrheit abnimmt, ist die Gesellschaft.
In einer fortgeschrittenen Gesellschaft sei es das Recht jedes einzelnen, über das Wann und Wie seines Endes zu entscheiden. Nur dieses Recht garantiere ein menschenwürdiges Sterben, meinen die Verfasser des Manifests: "Unser Leben muß vor unangemessener Lebensverlängerung ebenso geschützt sein wie vor vorzeitiger Verkürzung."
Bei diesem Satz lohnt es sich zu verweilen, er ist nämlich nicht so unschuldig, wie er sich gibt. Die Manifestanten greifen hier zu einem Trick, der von autoritären Persönlichkeiten gern angewandt wird: Sie sprechen in fremdem Namen und maßen sich eine Vertretungsbefugnis an, ohne danach gefragt zu haben, ob diese erwünscht und nicht vielleicht eine freche Einmischung in eine Angelegenheit ist, die wie keine andere das Epitheton privat verdient.
Das Manifest spricht von "unangemessener Lebensverlängerung", vermeidet es aber, das Maß anzugeben, mit welchem gemessen werden soll. Vielleicht weil die Unterzeichner meinen, dieses schon in Händen zu halten? Selbstherrlich bestimmen sie das Maß des Lebens, und aus ihrem forschen Auftritt leiten sie das Recht ab, Maß zu nehmen und anzulegen an jene, die ihrer Meinung nach kein rechtes Maß kennen und das Sterben einer dritten Instanz überlassen wollen, der Natur. Das Manifest indes droht diesen Menschen eine "vorzeitige Verkürzung" an, was nichts anderes ist als eine tautologische Umschreibung für Mord.
Der würdige Tod
"Anstelle eines qualvollen, sinnlosen Leidens, das den Sterbenden im Angesicht des Todes sein menschliches Gesicht verlieren läßt, soll bewußtes, akzeptiertes Sterben treten."
Das qualvolle, sinnlose Leiden. Der Verlust des Gesichts, des menschlichen gar. Die Perhorreszierung des Andersseins, der Bedrohung, ist eine gebräuchliche, nichtsdestoweniger aber ordinäre Form der Gewaltanwendung an den Gezeichneten. Es genügt nicht, im Rollstuhl zu sitzen, nein, man muß an ihn gefesselt sein.
Als der Papst im Juni dieses Jahres ein Sterbehospiz in Wien besuchte, versicherte er die Schwerkranken seiner Liebe, ermahnte sie und die Ärzte aber, nicht allzuviele Schmerzmittel zu verwenden, denn der Schmerz sei gottgewollt, im Schmerz und im Leid büße die bedrängte Kreatur die Sünden der Welt.
Tatsächlich hat die Verabreichung von Schmerzmitteln in Österreich sich in den letzten fünf Jahren verzehnfacht. Aus dem Schlußlicht Europas, was
den Einsatz von Palliativmedizin anlangt, ist ein Mittelständler geworden. Nahezu jedes Spital weist heutzutage eine Schmerzambulanz auf. Die Qual der früheren Jahre, hauptverursacht vom katholischen Weltbild der Ärzte, ist gelindert. Schmerzmittel werden verantwortungsbewußt eingesetzt. Nähere Informationen erteilen die Ärztezeitungen und die Statistiken der Krankenkassen.
"Selbstbestimmtes Sterben verträgt sich nicht mit einem erzwungenen Sterben nach der Zeit".
Ein doppelter Unsinn: Selbstbestimmtes Sterben in einer Gesellschaft, die Fremdbestimmung als Geschäftsgrundlage hat, ist nicht nur eine Illusion, sondern eine Kapitulation vor dem Leben und seinen Widersprüchen. Anstatt das Leben alter, behinderter, kranker Menschen zu verteidigen, deren Los zu erleichtern und damit auch die Angst der Gesunden vor beeinträchtigtem Leben zu mindern, anstatt die Menschen aufzurichten, wird die Würde, die Selbstbestimmung, für den Tod aufgespart. Dem Menschen werde im entscheidenden Teil seines Lebens die Würde geraubt, heißt es weiter. Was für ein bescheidenes Leben die Kameraden vom Peloton doch fristen, daß sie vermeinen, der Tod sei das Entscheidende im Leben! Fest steht doch nur, daß er dessen Ende ist.
Die Rolle der Ärzte
"Gerade humane Ärzte wollen diese Qual immer weniger verantworten."
So hätten die Kameraden es gern. Aber das Gegenteil ist der Fall. In Österreichs Intensivstationen, in den Unfallspitälern, onkologischen, neurochirurgischen und anderen Stationen findet sich kein Arzt, der diesen Unsinn unterschreibt. Jene, die den Tod und das Sterben als Teil ihrer Arbeit respektieren, entwickeln dabei ein Ethos, das auf der Höhe der Zeit, mit einem Wort: professionell ist. Ein Innsbrucker Mediziner stellte kürzlich eine Methode vor, die es erlaubt, die Perspektiven apallischer Patienten, deren es in Österreich rund 500 gibt, zu erkennen. Er verband die Präsentation seiner Forschungsergebnisse mit einem Appell zur uneingeschränkten Pflege jener, deren Chancen als besonders schlecht eingestuft werden müssen. Kein Wort von "vorzeitiger Verkürzung", kein Wort davon, daß "eine künstliche Lebensverlängerung bei jenen, deren Leben sich von sich aus dem Sterben zuneigt, keine sinnvolle Leistung" sei. Die Profis teilen die Meinung des Manifests also nicht, und zu den Profis rechne ich selbstverständlich auch die Patienten, jene, die nach Meinung des Manifests in Sturzseen von Schmerzen und Qualen dahinsiechen.
Die verzweifelten Anstrengungen des "Arbeitskreises für menschenwürdiges Sterben", aktive Ärzte vor das Euthanasieprogramm zu spannen, sind ebenso bekannt wie der Umstand, daß er sich eine Abfuhr nach der anderen holt. Mit der Unterstützung der Profis können die Euthanasiefans nicht rechnen. Ihnen bleibt nur, das Privileg der Dilettanten zu strapazieren, das vorurteilende Meinen.
"Beharrt der Kranke auf Sterbehilfe, so müssen folgende Sicherheitsmaßnahmen gewährleistet sein. 1. Der Kranke hat den Wunsch nach Sterbehilfe freiwillig und schriftlich festzulegen und ihn in Anwesenheit von zwei unabhängig arbeitenden Ärzten mündlich zu wiederholen. 2. Ist der Kranke nicht mehr verhandlungsfähig, so darf Sterbehilfe gewährt werden, wenn dafür eine notariell beglaubigte Willenserklärung vorliegt. Diese Willenserklärung darf nicht älter als fünf Jahre sein. 3. Der Gerichtsmediziner ist über alle Fälle aktiver Sterbehilfe im Nachhinein zu informieren."
Der Kranke hat freiwillig festzulegen. Punktum. Ist der Kretin nicht verhandlungsfähig, kann der Tod "gewährt werden". Der Tod ist ein Geschenk der Obrigkeit, und es schickt sich nicht zu fragen, wessen Wille dahintersteckt.
Die Sonne der Sterbehelfer
Das niederländische Beispiel zeigt, was jeder, der sich mit der Frage gesellschaftlich sanktionierter Sterbehilfe befaßt hat, immer schon wußte: Ist die Grenze einmal gezogen, tendiert sie mit aller Macht dazu, sich zu erweitern. Das ist ein Naturgesetz. Alle bürokratischen, medizinischen und juristischen Vorkehrungen konnten nicht verhindern, daß in den Niederlanden ein enormer gesellschaftlicher Druck auf kranken und behinderten Menschen lastet, den Angehörigen und der Allgemeinheit nicht länger zur Last zu fallen.
Die Einführung der Sterbehilfe wäre eine kopernikanische Wende im Sozialstaat, schreibt Sepp Wille, der Leiter des Arbeitskreises, in einem erläuternden Artikel. Kopernikus nahm an, daß die Planeten sich in Kreisbahnen um die Sonne bewegen. Die Sonne der Sterbehelfer ist der Tod der anderen. Unablässig umkreisen sie ihn mit ihren Gedanken und Sehnsüchten. Würden die vereinten Sterbehelfer der Welt endlich den Mut haben, ausschließlich von ihrem eigenen Tod zu reden, das wäre eine wahrhaft kopernikanische Wende.
"Wer lebenserhaltende Maßnahmen abbricht oder unterläßt, handelt nicht rechtswidrig, wenn der Zustand des Betroffenen auf einem Selbsttötungsversuch beruht."
Wer seinem Leben - aus welchen Motiven immer - ein Ende zu setzen versucht und dabei scheitert, das heißt überlebt, hat dennoch das Leben verwirkt. Er ist ein Fall für das Erschießungskommando, die Truppe der aktiven Sterbehelfer nimmt an seinem Krankenbett Aufstellung. Welche Sorgen und Ängste den potentiellen Selbstmörder umtrieben, als der die Verzweiflungstat setzte, interessiert nicht. Wer einmal das Licht abdreht, dem soll es nie wieder leuchten.
Die Selbstmordforschung weiß seit langem, daß die überwiegende Zahl der versuchten Selbstmorde ein letzter Versuch der Kommunikation ist, Hilfeschreie aus vermeintlich unlösbaren Zwängen. Deshalb auch werden viele Selbstmordversuche nicht mit letzter Konsequenz ausgeführt, ist in ihnen die unbewußte Hoffnung, vielleicht doch noch gerettet zu werden, nicht gänzlich unterdrückt. Hoffnung aber ist für die Apostel des fremden Todes grad soviel wie der sture Blick durch die Kimme aufs Korn. "Es ist Aufgabe der Gesellschaft, alle rechtlichen Voraussetzungen für ein selbstbestimmtes Sterben zu treffen ..." Im Namen ungefragter anderer die Stimme erheben, Unsinn schwatzen und das Ganze mit einer Forderung an den Staat koppeln. So sieht sie aus, die kopernikanische Wende zur ewiggleichen österreichischen Politik.
Es ist müßig, weiter auf das Manifest einzugehen. Nur soviel sei noch gesagt: Über Sterbebegleitung, die Hospizbewegung und andere Einrichtungen, die das Sterben als Teil des Lebens auffassen und die Menschen in ihren letzten Stunden nicht auch noch damit quälen, ob ihr Leben noch einen Sinn habe und für wen, verliert das Manifest, das vorgibt, den Sinn des Lebens - die Selbstbestimmung im Tod - zu kennen, kein Wort. Das ist kein Zufall. Wer das Leben nach dem Sinn fragt, hat die Antwort schon in den Lauf geschoben: den Tod. Auf die Frage nach dem Sinn verweigert das Leben die Antwort. In diesem Sinn ist es ohne Sinn. Es gibt keine gesellschaftlich verallgemeinerbare Grenze für das Leben; die Sinnzumessung wäre eine. Fällt die Gesellschaft der Natur in dieser Frage in den Rücken, zwingt sie der Natur einen Sinn auf, so rächt diese sich, in dem sie die Natur der menschlichen Gesellschaft vergiftet.
Vor einigen Jahren veröffentlichte Sepp Wille ein Buch, das seine sozialpolitischen und ökonomischen Schriften vereinte. Der Titel des Buches lautete: "Jedem das Seine". Diese Worte standen auch über dem Haupteingang des KZ Buchenwald, in Schmiedeeisen und schön gebogen, fast kreisförmig.
Eine frühere Fassung dieses Artikels ist in "Wespennest" Nr. 112/1998 erschienen.