STIMME von und für Minderheiten # 30
Beschäftigungstherapie: Sinn und
Unsinn
von Gerd Valchars
Die sogenannte Beschäftigungstherapie stellt eine Form der
Betreuung geistig behinderter Menschen in Wien dar. Ihre Geschichte reicht lange zurück,
und der Sinn ihrer bestimmten Formen ist ebenso umstritten wie das Wort selbst.
Unter Beschäftigungstherapie versteht
man gemeinhin die Vormittagsbetreuung geistig behinderter Menschen. In Wien leben heute
die meisten geistig behinderten Menschen in Wohngemeinschaften oder in geschützten
Wohnplätzen mit ambulanter Betreuung; die Vormittage verbringen sie aber meistens in
Werkstätten. Die Ansprüche, die an die Beschäftigungstherapie gestellt werden, sind
sehr umfassend; ob sie diesen jedoch auch gerecht werden, ist mehr als ungewiß.
Eine Aufgabe der Beschäftigungstherapie soll es sein, den Menschen eine klare Strukturierung ihres Tages zu bieten. Eine klare Tagesstruktur ist für geistig behinderte Menschen sehr wichtig, da sie sich am regelmäßigen, gleichbleibenden Tagesablauf orientieren. Der Tagesablauf bildet einen wichtigen Bezugsrahmen, der Sicherheit verschafft. Durch die Beschäftigungstherapie in Werkstätten wird der Tag klar in zwei Teile geteilt: vormittags Arbeit in der Werkstatt, nachmittags ab ungefähr 15 Uhr Freizeit und Hausarbeit in der Wohngemeinschaft. Beide Tagesabschnitte sind klar voneinander getrennt.
Der zweite wichtige Anspruch an die
Beschäftigungstherapie ist es, geistig behinderten Menschen eine Beschäftigung
anzubieten und sie dabei zu fördern und in ihrer Eigenständigkeit und ihrem
Selbstwertgefühl zu stärken.
Industriearbeit als Beschäftigung
Welche Formen der Beschäftigungstherapie gibt es aber nun eigentlich?
Dazu muß zuerst auf die
Behindertenbetreuung in Wien allgemein eingegangen werden. Heute werden die meisten
geistig behinderten Menschen in Wien von privaten Vereinen betreut, die sowohl Wohn- als
auch Arbeitsplätze anbieten. Doch dieses System der integrierten Betreuung wird erst seit
den 80er Jahren verfolgt. Erst durch einen
Gemeinderatsbeschluß 1984 wurde die Wiener
Psychiatriereform eingeleitet, die von der "Verwahrung" in Großheimen und
Psychiatrien wie Baumgartner Höhe und Gugging unter zum Teil katastrophalen Umständen
abging und mit der Ausgliederung in kleine gemeinwesenintegrierte Wohnformen begann.
Private gemeinnützige Vereine, die in Form von Tagsätzen durch die MA 12 finanziert
werden, wurden gegründet und fingen an, Wohngemeinschaften und geschützte Wohnplätze
einzurichten.
Der Beginn der Beschäftigungstherapie
reicht in die Zeit vor der Psychiatriereform zurück. Man meinte, die in wenigen
Einrichtungen konzentrierten behinderten Menschen - alleine am Psychiatrischen Krankenhaus
Baumgartner Höhe lebten ungefähr 400 geistig Behinderte - beschäftigen zu müssen. Um
den enormen Bedarf an "Beschäftigung" decken zu können, wurden
Großwerkstätten in der Nähe der Wohnplätze eingerichtet, in denen Industriearbeit
verrichtet wurde. Unter Industriearbeit versteht man einfachste monotone Tätigkeiten wie
das Zusammenstecken oder das Einsortieren von diversen Gegenständen, die in Akkordarbeit
für verschiedene Betriebe geleistet werden.
Auch heute noch verbringen viele
geistig behinderte Menschen ihre Vormittage in solchen Werkstätten. So sind an die
hundert KlientInnen in einer Werkstatt von "Jugend am Werk", die sich auf der
Baumgartner Höhe befindet, damit beschäftigt, Bauteile für Transformatoren
zusammenzusetzen, Kuverts zu kleben, Kugelschreiber zusammenzuschrauben oder Kartons in
Plastikfolien zu stecken. Diese Tätigkeiten werden in der Regel über mehrere Monate,
manchmal auch über Jahre hinweg durchgeführt. Und dabei haben die Personen meistens
keinerlei Ahnung, wozu die Kunststoffteile, die sie in ihrem Leben wohl schon zu Tausenden
zusammengesetzt haben, dienen sollen. Und wenn ein Stoß abgearbeitet ist und endlich das
letzte Teil zusammengesteckt wurde, wird der nächste Karton ausgeleert, und erneut
häufen sich die Teile auf den Tischen - ein Erfolg, ein Fortschritt oder gar ein Ende der
Arbeit ist nicht in Sicht.
Alternative Projekte
Daß diese Tätigkeiten als nicht sehr
sinnvoll angesehen werden können, ist weitgehend unumstritten, und unter dem Eindruck
solcher Werkstätten ist auch die Kritik vieler an dem Wort
"Beschäftigungstherapie" verständlich. Denn Therapie im eigentlichen Sinn des
Wortes findet in diesen Werkstätten bestimmt nicht statt. Daß es aber auch anders geht
und die Alternative von "nichts tun" nicht unbedingt "sinnloses Tun"
heißen muß, zeigen viele Projekte, die nach der Psychiatriereform von den privaten
Trägervereinen initiiert wurden. Eine Reihe von kleinen Werkstätten, die handwerkliche
Tätigkeiten wie Maler-, Tischler- oder Schlosserarbeiten verrichten, bieten Alternativen
zur Industriearbeit.
Zwei meines Erachtens besonders
gelungene Projekte der alternativen Beschäftigungstherapie stellen die Gärtnerei und die
"Alm" des GIN (Verein für Gemeinwesenintegration und Normalisierung) dar.
In der Gärtnerei, die sich im 22.
Bezirk befindet, sind sieben behinderte Menschen und drei BetreuerInnen damit
beschäftigt, Gemüse, Obst und Gartenkräuter biologisch anzubauen und die WGs des
Vereins sowie zwei Bauernmärkte zu beliefern.
Die Alm befindet sich am Fuße des
Leopoldsberges über dem Kahlenbergerdorf am Rande von Wien und ähnelt einem kleinen
Bauernhof. Neben der Tierhaltung - auf der Alm werden Esel, Hühner und Schafe versorgt -
ist die wichtigste Aufgabe die Pflege des Obst- und Weingartens. Alle Arbeiten, vom
Schnitt im Winter bis zur Ernte im Herbst werden von den neun KlientInnen und drei
BetreuerInnen gemeinsam erledigt. Die Lese, mit Pressen, Pasteurisieren und Abfüllen des
Traubensaftes, ist der Höhepunkt im Arbeitsjahr der Alm und läßt erkennen, daß die
schwere Arbeit nicht vergeblich war. Im Winter oder bei schlechtem Wetter produzieren die
KlientInnen auf der Alm Kerzen. Die fertigen Produkte dienen zur Eigenversorgung und
werden ab Hof verkauft.
Dies alles sind Tätigkeiten, die
einen Sinn erkennen lassen. Denn am Ende steht ein fertiges Produkt, das selbst benutzt
oder verkauft werden kann. Zu erfahren, daß sie einen Beitrag zu einem wertvollen Produkt
leisten, ist für das Selbstwertgefühl geistig behinderter Menschen, wie für das aller
Menschen, sehr wichtig.
Natürlich sind gerade auf der Alm
oder in der Gärtnerei die Anforderungen an die KlientInnen sehr hoch. Für viele geistig
und mehrfach behinderte Menschen sind handwerkliche und landwirtschaftliche Arbeiten nicht
durchführbar, doch existieren auch für diese Menschen Alternativen zur Industriearbeit.
So gibt es beispielsweise auch basale Tagesstätten, in denen die KlientInnen
verschiedenen Reizen (Massagen, Düften, Lichtern etc.) ausgesetzt werden, um in
intensiveren Kontakt mit ihrer Umwelt treten zu können, und Tagesstätten, in denen mit
den KlientInnen auf kreativer Ebene gearbeitet wird.
Es gilt, für jeden Menschen einen den
Bedürfnissen und Fähigkeiten entsprechenden Arbeitsplatz zu finden.
Mirko Nalis ist seit
1984 pädagogischer Direktor des Förderpflegeheims auf der Baumgartner Höhe und seit
1992 Obmann des Vereins GIN (Verein für Gemeinwesenintegration und Normalisierung). Warum gibt es immer noch zahlreiche
Werkstätten mit Industriearbeit? Ich denke, gerade "Jugend am
Werk" ist eine große Einrichtung mit einer sehr langen Tradition und Mitarbeitern,
die zum Teil schon viele Jahrzehnte in der Behindertenbetreuung tätig sind, und solche
Traditionen sind leider sehr schwer zu verändern. Man darf auch nicht vergessen - und das
ist keine Spezialität von Jugend am Werk -, daß es in den 50er und 60er Jahren, als
diese Mitarbeiter begonnen haben, keine spezifische Ausbildung für die Behindertenarbeit
gegeben hat. Das waren Leute mit einem sozialen Engagement, die aus ihren Berufen
ausgestiegen sind und gesagt haben: Ich mach' was mit Behinderten. Da mußte das Wissen,
wie man mit behinderten Menschen arbeitet, einfach fehlen, das kann man ihnen nicht
vorwerfen. Da hat es ein junger Träger wie GIN natürlich einfacher, weil die zu einer
Zeit in die Behindertenbetreuung eingestiegen sind, da schon viele hochqualifizierte
Arbeiter am Markt waren und im Ausland schon viele Erfahrungen gemacht worden waren. Da
war's leichter, mit etwas Neuem zu beginnen, als eine traditionelle Entwicklung zu
verändern. Das Argument jedenfalls, daß ein
geistig behinderter Mensch nichts anderes könne, als Industriearbeit zu verrichten, ist
zu widerlegen. Es ist natürlich die Frage, wie man
einen bestimmten Arbeitsablauf in einzelne Schritte zerlegt. Wir haben eine Werkstatt am
Schützplatz, wo schwerbehinderte und auch sehr verhaltensauffällige Leute wunderbar
Möbel renovieren. Sie sind sicher keine Tischler, aber ein Behinderter kann lackieren und
abschleifen, wenn man es ihm zeigt. Man kann die Arbeitsabläufe so zerlegen, daß
durchaus schwer und leicht Behinderte ihren Fähigkeiten entsprechend ihren Teil zu dieser
Arbeit beisteuern können. Und jeder behinderte Mensch, auch ältere, ist, wie jeder
Nichtbehinderte, lernfähig. Natürlich ist das Lerntempo anders, und auch der Umfang der
Lernmöglichkeiten ist anders, aber zu sagen, der ist 20 und der kann das, und was anderes
wird er nie können, wäre absolut unpädagogisch und entspricht nicht den Tatsachen. Worin liegt eigentlich der Sinn der
Beschäftigungstherapie? Wenn man von einem
tiefenpsychologischen Weltbild ausgeht, das für Behinderte wie für Nichtbehinderte gilt,
dann ist Arbeit ein Wert in unserer Entwicklung. Arbeit ist ein Wert an sich und wichtig
für das Selbstwertgefühl. Es gibt natürlich monotone Akkordarbeiten, die genau das
Gegenteil bewirken. Aber grundsätzlich ist Arbeit ein für die Entwicklung bedeutender
Aspekt. Und Arbeit heißt: Ich schaffe etwas, das mich befriedigt, wo ich weiß, da hab'
ich etwas geleistet. Und das hat seinen Wert - nicht unbedingt in Schilling ausgedrückt;
aber einen ideellen Wert zumindest. Du schaffst etwas, was einen Wert hat. Du hast einen
Anteil an einem Produkt, den du im Rahmen deiner Fähigkeiten geleistet hast, und das war
dein Maximum, und das war gut. Das zu vermitteln, ist für die Entwicklung eines
behinderten Menschen ganz wichtig. |
Gerd Valchars studiert
Politikwissenschaft und Publizistik in Wien und ist "Radio Stimme"-Mitarbeiter.
Diese Nachlese basiert auf der "Radio Stimme"-Sendung vom 2. März 1999, gesendet auf ORANGE 94.0.