STIMME von und für Minderheiten # 37

"Aber dann kommt halt kein Geld rein" -
Radeln gegen "Licht ins Dunkel"

Als einer von vielen stellte sich heuer um die Weihnachtszeit auch der Osttiroler Extremsportler Ulrich Mattersberger "in den Dienst der guten Sache". Auch er wollte sich und Österreich beweisen, daß er ein guter Mensch ist, und versuchte in der Nacht von 24. auf den 25. Dezember auf seinem Rad-Ergometer einen Weltrekord im Dauerradeln aufzustellen. Was daran gut ist? Der ORF war live dabei und hatte somit wieder einige Stunden mehr Programm für die Spendenaktion "Licht ins Dunkel".

Franz-Joseph Huainigg, Autor, Kabarettist und Behindertenaktivist, konnte dem nicht nachstehen und nahm die Herausforderung an: Auch er setzte sich auf sein Ergometer - radelte jedoch gegen "Licht ins Dunkel" und brachte währenddessen seinen Unmut über die Spendenaktion des ORF zum Ausdruck. Gerd Valchars von "Radio Stimme" war live dabei.

Obwohl diese Aktion ja Fahrrad fahren gegen "Licht ins Dunkel", also eigentlich Handybike fahren gegen "Licht ins Dunkel" heißt, bin ich ja doch ein Fan von "Licht ins Dunkel". "Licht ins Dunkel", hat sich herausgestellt, ist sehr motivierend zum Fahrradfahren. Wenn man diese Mitleidssoap anschaut, steigt die innere Aggression und die innere Kraft, und man kann sich noch einmal motivieren, wenn man schon ausgepowert ist. Da kommt noch Kraft und Saft in die Knochen von einem Behinderten, und so nehme ich "Licht ins Dunkel" zu Weihnachten immer auf und schau es mir im Sommer an, das kommt immer ganz gut, das hat einen eigenen Witz.

Ich habe einmal mit dem Herrn Bergmann diskutiert. Die Arbeitsgruppe Behinderte in den Medien wollte einmal mit den Verantwortlichen im ORF über "Licht ins Dunkel" reden. Der Herr Bergmann war da sehr kulant und hat gemeint, es wäre die Gnade seines Alters, daß er überhaupt mit uns spricht. Das war damals seine Einleitung. Ich habe dann gesagt, es wäre auch die Gnade meines Alters, daß ich mit ihm spreche, früher hätte ich auch nicht mit ihm gesprochen, aber jetzt sitzen wir halt hier. Er hat nur gemeint: "Was wollts denn? Wenn wir ,Licht ins Dunkel' irgendwie anders machen, so wie es ihr wollt, dann ist es vielleicht schön und nett, aber dann kommt halt kein Geld rein. Deswegen wird das einfach so gemacht."

Ich bin eines Tages mit meinem Auto nach Hause gefahren. Ich komme an und steige aus, brauche aber jemanden, der mir den Rollstuhl aus dem Auto heraushebt. Da geht gerade ein junger Mann an mir vorbei, dem ich nachrufe: "Entschuldigung!" Er dreht sich um, sieht mich an und sagt: "Tut ma lad, i hob ka Geld!" Das ist ein typisches "Licht-ins-Dunkel-Syndrom": Man sieht einen Behinderten und denkt sofort: Ah, Griff in die Tasche, der braucht Geld. Ich glaube, die Leute sind schon so geprägt von "Licht ins Dunkel", daß sie nicht mehr richtig wissen, was sie tun sollen. Einfach Geld geben, damit hat sich's, damit hat man das Gewissen befreit.
Diese Aktion ist schon derart präpotent und allgegenwärtig, daß man ihr überhaupt nicht mehr entkommt. Es ist nicht mehr irgendeine Aktion, die irgendwo läuft zu Weihnachten. "Licht ins Dunkel" ist schon Weihnachten, und man entkommt ihm nirgends. Auch die anderen Hilfsorganisationen beklagen sich irrsinnig, daß bei ihnen die Spendeneinnahmen drastisch zurückgehen und daß zu Weihnachten der Platzhirsch schlechthin "Licht ins Dunkel" ist. Es ist nicht so, daß die Österreicher unbedingt mehr spenden; es wird einfach anders verteilt. In Zeiten, da eingespart wird und der Staat offenbar nicht mehr so viel Geld hat, kann es sein, daß man von den Spenden abhängig wird, und dann traut sich natürlich keiner mehr, etwas gegen "Licht ins Dunkel" zu sagen, weil man das Geld braucht.

Wenn es darum geht, daß jemand einen Computer bekommt, dann kann das doch nicht sein, daß er den nur bekommt, wenn ihn "Licht ins Dunkel" zahlt. Ich empfinde das immer als äußerst fragwürdig, und es besteht sicher die Gefahr, daß sich der Staat immer mehr zurückzieht und zuerst "Licht ins Dunkel" zahlen läßt, bevor er selbst zahlt. Also wenn sich das Verhältnis umdreht - so etwas kann dann zu einer echten Abhängigkeit führen, wo sich der Staat immer mehr herausnehmen kann und "Licht ins Dunkel" ein immer gewichtigeres Wort zu sprechen hat.

Was die Arbeitsgruppe Behinderte in den Medien schon seit Jahren fordert, ist die Einrichtung einer eigenen Behindertenredaktion im ORF, wie sie es in anderen Ländern auch gibt. Bei der BBC zum Beispiel gibt es eigene Sendungen, die von Behinderten gestaltet werden. Die sind nicht auf Mitleid aus, und wie schlimm und tragisch alles ist oder wie toll jemand sein Leben im Rollstuhl meistert. Die machen echt gute Sendungen, mit einem gewissen Humor, die man sich gerne anschaut und die auch im Hauptabendprogramm laufen.
Aber auch Gehörlosenmagazine sind sehr wichtig, weil man da auch die Kultur der Gehörlosen sehen und Gebärdensprache zeigen kann. Fernsehen ist ja das einzige Medium, in dem Gebärdensprache zu sehen ist; das kann man weder in der Zeitung noch im Radio oder sonstwo. Das fördert die Integration der Gehörlosen, und sie kriegen auch übers Fernsehen mit, was auf der Welt passiert.
Der ORF lehnt so etwas aber ab, mit der Argumentation, daß wir das wohl nicht wollen können, daß es quasi ein Ghetto gibt im ORF, also ein eigenes Behindertenmagazin. Sondern wir wollen ja Integration, sagen sie, und Integration heißt eben, daß Behindertenthemen überall vorkommen. Und dafür sind wir ihnen jetzt dankbar, daß es die gibt, bei "Vera", bei "Help TV", bei "Willkommen Österreich" …

Diese Nachlese basiert auf der "Radio Stimme"-Sendung vom 19. 12. 2000 (gesendet auf Orange 94,0).