STIMME von und für Minderheiten # 38

"Guten Morgen, Herr Architekt"
von Ingrid Hemetek

guten morgen herr architekt
hat das frühstück geschmeckt
sie kommen mir wie gerufen
wie komme ich hier über die stufen
in die wohnung, die nach ihren plänen
unterlassen sie bitte das gähnen
errichtet
hat man mir berichtet

Der Urban-Loritz-Platz ist ein Beispiel für einen öffentlichen Ort, der mit moderner Architektur versehen wurde – und das ziemlich gedankenlos. Für alle, die Wien nicht kennen: Der Platz wurde überdacht. Doch die Überdachung wurde durch Querverspannungen an Masten befestigt, wobei die tragenden Elemente teilweise in Brust- bis Kopfhöhe über Gehbereiche verlaufen. Dies ist vor allem für blinde und sehbehinderte Menschen ein nicht zu erkennendes Hindernis, da der Blindenstock unter ihnen durchgleitet. Dieses Problem wurde zwar erkannt, wie uns ein Architekt im Interview berichtete. Doch die Lösung des Problems ist mehr als zweifelhaft. So habe man nun Schnüre aufgehängt, die ein ungebremstes Hineinlaufen in die Querverstrebungen verhindern und damit die Verletzungsgefahr mindern sollen, doch auch diese seien für blinde Menschen mit dem Blindenstock nicht ertastbar.

Städtische Hindernisse
"Das größte Hindernis sind nach wie vor Stufen – ganz simple Stufen, die einem den Zutritt zu einem Geschäft verwehren", sagt Bernadette Feuerstein. Sie ist Rollstuhlfahrerin und seit langem für die Selbstbestimmt-Leben-Bewegung aktiv.

Menschen mit Behinderung stehen in einer Großstadt wie Wien vor Problemen, die uns vor der Recherche zu der Sendung nicht einmal in den Sinn kamen. Wir sprachen mit dem Obmann des Blindenverbands in Wien, der uns darauf hinwies, daß auch Briefkästen, zu niedrig angebrachte Verkehrsschilder oder Baustellen zu Hindernissen, aber auch zu Verletzungsgefahren werden können. "Es ist auch schon vorgekommen, daß eine Baustelle nicht vorschriftgemäß abgesichert worden ist und blinde Menschen in eine Baugrube gefallen sind." Blinde Menschen werden zudem vom Lärm stark beeinträchtigt, da sie vor allem auf das Gehör angewiesen sind.

Auch die bereits erwähnten Briefkästen können zu einem Hindernis werden, trotz der sogenannten Önormen, baulicher Richtlinien. So befaßt sich die ÖNORM B1600 mit der Montage von Briefkästen. Doch die Post scheint diese Norm bei der Montage ihrer Briefkästen völlig zu ignorieren. Diese Normen sind bis jetzt eben nur Richtlinien, und es gibt noch keine Sanktionsmöglichkeiten.

Behinderung Verkehrsmittel
Einen weiteren Problembereich stellen die öffentlichen Verkehrsmittel dar. Obwohl Niederflurbusse zunehmend zum Straßenbild gehören und in den U-Bahnstationen, vor allem der Linie U4, immer mehr Lifte gebaut werden, ist die Zugänglichkeit insbesondere für RollstuhlfahrerInnen noch lange nicht gewährleistet. So erzählt uns Bernadette Feuerstein, daß sie bereits die Erfahrung machen mußte, auf die Hilfe von Stationswacht und Polizei angewiesen zu sein, um aus der U-Bahnstation auf die Straße zu kommen. Ein defekter Lift war der Grund dafür. Dieses Erlebnis war nicht nur ärgerlich, sondern natürlich auch unangenehm, da es Feuerstein in dieser Situation die Möglichkeit zur Selbstbestimmung und Selbständigkeit nahm.

Das Einsteigen in die U-Bahn ist auch nicht immer leicht. Bereits 1998 stellte die Siemens AG den "behindertengerechten U-Bahn-Wagen" nach dem derzeitigen Stand der Technik vor, um diesem Problem entgegenzuwirken. Hier soll eine Verbesserung der Einstiegssituation mittels einer Rampe und automatisch öffnenden Türen erreicht werden. Ähnlich wie bei den Niederflurbussen soll im Wageninneren – zusätzlich zur akustischen Ansage – der Name der nächsten Station optisch angezeigt und gehörlosen Menschen zugänglich gemacht werden. Obwohl diese Verbesserungen alle gut klingen, wird die "neue" U-Bahn frühestens 2003 in Wien unterwegs sein. Doch selbst wenn RollstuhlfahrerInnen dann alleine in die U-Bahn steigen können, dürfen sie es nicht. Denn in öffentlichen Verkehrsmitteln sind für RollstuhlfahrerInnen noch immer Begleitpersonen zwingend vorgeschrieben.

Kleine Erfolge
Es gibt auch Erfolge zu verzeichnen, wie uns Bernadette Feuerstein berichten kann. In der Favoritenstraße wurde ein neuer McDonalds gebaut. Als Feuerstein eines Tages an der Baustelle vorbeikam, bemerkte sie, daß am Eingang eine Stufe gebaut wurde. Sie machte den Geschäftsführer des Lokals ausfindig und befragte ihn zu der Stufe. Dieser meinte, daß es ihm egal sei. Und erst nachdem Bernadette Feuerstein ihm mit einer Klage drohte, konnte sie ihn zu einem Einlenken bewegen – die Stufe verschwand.

Doch solche Erfolge sind selten; ebenfalls McDonalds hatte auf der Mariahilferstraße bei seiner neu gebauten Filiale eine Rampe eingerichtet, die gesperrt werden mußte. Denn die Rampe war aufgrund ihrer zu starken Neigung und der verwendeten viel zu glatten Steine für RollstuhlfahrerInnen absolut ungeeignet. Und ob es nun Stufen oder nicht verwendbare Rampen sind, die den Zugang unmöglich machen, ist dann auch schon egal.

endlos die stufen
im klotz den sie da schufen
was, es wären nur sieben
hurra, dann werde ich üben
um mit sieben kräftigen schüben
an sonnentagen und an trüben
die stufen zu überwinden
sollte sich jemand finden
der aus eigener kraft
dies wirklich schafft
der möge sich beeilen
dem schreiber dieser zeilen
dies ehest mitzuteilen
guten morgen herr architekt
man hört daß es schmeckt
das essen
stufen?
längst vergessen

(Sigi Maron)

Diese Nachlese basiert auf der "Radio Stimme"-Sendung vom 21. November 2000 (gesendet auf Orange 94,0).