STIMME von und für Minderheiten # 39
Europride 2001: Wien ist anders?
von Monika Roidmayr
1927 sah das Boulevardblatt "Die Wiener Nachtwelt" das Abendland gefährdet: Eines Tages werde die Ringstraße noch "ganz für die Warmen" reserviert werden, stand da geschrieben. Anlaß für den homosexuellenfeindlichen Ausritt war die eingebildete oder tatsächliche Teilnahme Schwuler an einer sozialdemokratischen 1.-Mai-Demonstration.
Diese Utopie (für die Zeitung war es mehr eine Distopie) der Wiener Nachtwelt ist mit der in diesem Jahr schon zum sechsten Mal in Wien veranstalteten Regenbogenparade (Christopher Street Parade1) Realität geworden. Die Jahre dazwischen waren und sind für die Homosexuellen-Bewegung von einem Kampf für Anerkennung der gleichgeschlechtlichen Liebe in der Gesellschaft gekennzeichnet. Wenn man sich die politische Situation in Österreich vor Augen führt, wird deutlich, daß sich die Lage zumindest in den nächsten drei Jahren nicht wesentlich verändern wird.
Wien ist anders
Die Frankfurter Allgemeine Zeitung schreibt in Bezug auf den Paragraphen
209 des Strafgesetzbuches in Österreich: "Das Land ist somit das letzte in
Europa, das eine Diskriminierung homosexueller Beziehungen betreibt. Vor
kurzem setzte immerhin ein Umdenken ein: Das Oberlandesgericht Innsbruck,
ausgerechnet im heiligen Land Tirol, hat im Mai ein Verfahren nach
Paragraph 209 wegen Bedenken des Verstoßes dieses Paragraphen gegen die
Europäische Menschenrechtskonvention unterbrochen und zur Prüfung an den
Verfassungsgerichtshof weitergeleitet. Traurig, daß die Justiz früher
Einsehen hat als der Gesetzgeber."2
Wien ist also "anders", zumindest im Zusammenhang mit der Nicht-Aufhebung menschenverachtender Gesetze im Gegensatz zum Rest von Europa. Und da Wien anders ist, nimmt der Bürgermeister Michael Häupl gerne die Schirmherrschaft über Europride, dem europäischen Festival des homosexuellen Selbstbewußtseins, hat jedoch "aus Termingründen" keine Zeit, an der Eröffnung teilzunehmen.
Bei der Finanzierung sah es eher schlecht aus. Die Europride-OrganisatorInnen kämpften um jeden Alpendollar und wurden gerade so weit unterstützt, daß es "zuwenig zum Leben und zuviel zum Sterben" war. "In Stockholm, Paris oder Berlin waren finanzielle und repräsentative Unterstützung keine Frage", sagt Veit Georg Schmidt, Präsident des Regenbogenparadenvereins Christopher Street Day (CSD). Dennoch ließen sich die VeranstalterInnen nicht entmutigen, und somit flatterte im ganzen Juni die Regenbogenfahne, das Symbol der weltumspannenden Homosexuellengemeinschaft, vom Donauturm in Wien im Rahmen der heuer erstmals in Wien stattfindenden Europride. Seit dem ersten Mal, 1992 in London, macht das Festival der Schwulen und Lesben Station in verschiedenen europäischen Städten.
Grenzen durchbrechen
Im gesamten Juni lief in Wien eine Vielfalt von Veranstaltungen ab, die die
breite Öffentlichkeit auf die Probleme, Anliegen und Forderungen von
Homosexuellen aufmerksam machen sollte. Höhepunkt war am 30. Juni die
Regenbogenparade, die wie immer über die Ringstraße zog.
"Mit Europride 2001 wollen wir uns darin bestärken, daß wir unter keinen Umständen von uns erkämpfte Rechte und eine lebendige Kultur aufgeben werden", sagt Schmidt. "Zu dieser Kultur gehört die Selbstverständlichkeit, schwul oder lesbisch zu leben und dies auch sichtbar zu machen." Europride verbindet also die europäische Idee mit dem stolzen Selbstbewußtsein der community. Das Ziel von Europride ist, die Grenzen zu durchbrechen. Zunächst waren und sind hiermit die Grenzen von Ländern und Staaten gemeint, die die Menschen Europas in ihrer Freiheit und Freizügigkeit beschränken. All diese Grenzen, die zu nichts anderem dienen, als Menschen ein fremdbestimmtes Leben aufzunötigen, gilt es niederzureißen und hierfür steht die europäische Dimension der lesbisch-schwulen und TransGender-community. Mit Europride verweisen die VeranstalterInnen auf einen weiteren Anspruch, nicht nur für das Ende von Benachteiligung und Diskriminierung einzutreten, sondern beim Aufbau einer modernen, offenen und freien Gesellschaft in ganz Europa mitzuwirken. Leider gibt es bis jetzt nur in Europa mit Europride Schritte nach vorne, weltweit scheint die Situation für Homosexuelle jedoch unverändert.
Zerstörung einer Ausstellung
Daß allerdings die Europride in Wien nicht ohne Zwischenfälle ablaufen
würde, war schon von Anfang an für jede/n rational denkenden ÖsterreicherIn
klar, der/die sich der Existenz von schwarzen (blauen) Schafen in der
österreichischen Gesellschaft (spätestens seit dem letztem Jahr) bewußt
geworden ist.
In der Nacht vom 13. auf den 14. Juni, nur wenige Stunden vor ihrer Eröffnung, wurde die erste Ausstellung3 zum Gedenken an die Verfolgung von Homosexuellen durch das NS-Regime in Österreich Ziel eines gewalttätigen Anschlages. Unbekannte4 Vandalen rissen fast alle Stelen der Ausstellung aus ihren Verankerungen und stießen sie um. Noch wenige Tage davor lehnten es FPÖ und ÖVP im Parlament ab, homosexuelle Verfolgte der Jahre 1938-45 als Opfer des Nationalsozialismus anzuerkennen. Die Ausstellung, die auf das Schicksal der Lesben und Schwulen aufmerksam macht, die von den Nationalsozialisten verfolgt, ins KZ verschleppt, gefoltert, verstümmelt und ermordet wurden, sollte die Erinnerung an sie bewahren.
Aufgrund der Ignoranz der Mehrheit im Nationalrat wurden diese Menschen erneut nicht als Opfer des Nationalsozialismus anerkannt, sondern einmal mehr als "zu Recht Verfolgte" und somit als Verbrecher diffamiert. Die geistige Haltung von ÖVP und FPÖ fand ihre tätliche Umsetzung in der Zerstörung der Ausstellung.
"Irgendwie hätten wir damit fast rechnen müssen", erklärt HOSI-Wien-Generalsekretär Kurt Krickler, "denn in einem homophoben Klima wie in Österreich, wo Diskriminierung von Lesben und Schwulen gesellschaftlich nicht geächtet ist, werden sich immer wieder Leute animiert fühlen, aggressiv und gewalttätig auf Lesben und Schwule zu reagieren. In einem Land, wo die Regierung Homophobie zu ihrem Programm erhoben hat, wo die beiden Regierungsparteien ÖVP und FPÖ erst vor einer Woche die Entschädigung von homosexuellen NS-Opfern abgelehnt haben, wo diese beiden Parteien seit fast zwei Jahrzehnten vehement jeden Fortschritt und jede Gleichstellung von Lesben und Schwulen verhindern, muß natürlich ein Klima und ein Nährboden für derartige Aktionen entstehen."
"Homosexuelle Hanswurstiade"?
Dieser Artikel hat mit dem Zitat aus einer Boulevardzeitung begonnen und
endet ebenso mit einem Zitat aus der Boulevardzeitung schlechthin, der
Krone, welche Beispiele dafür gibt, daß die homophoben Denkmuster auch
trotz der 75 Jahre zwischen den beiden Zitaten in den Köpfen der Menschen
noch tief verankert sind. Das ist wieder einmal der Beweis dafür, daß man
Initiativen wie Europride unbedingt braucht, um diese Denkmuster aus der
Welt zu schaffen.
Deshalb sollte man laut Krone mindestens "so schlau wie schwul" sein wie das Beispiel Gery Keszler, "weil er das drohende Abgleiten seines von ihm vor neun Jahren erfundenen AIDS-Festes im Wiener Rathaus in eine homosexuelle Hanswurstiade (oder heterosexuelle ,Gemma Schwuchtln schaun'-Party, kommt auf das ,Lager' an, aus dem man die ,Schrilliade' betrachtet) erfolgreich verhindert hat".5
Diese Nachlese basiert auf der "Radio Stimme"-Sendung vom 19. Juni 2001 (gesendet auf Orange 94,0).
1
Am 27. Juni 1969 passierte in der New Yorker Schwulenbar "Stonewall
Inn" in der Christopher Street etwas für damals durchaus Übliches: eine
brutale Polizeirazzia bei einer rechtlosen und verachteten
Bevölkerungsgruppe. Dann geschah aber etwas völlig Unerwartetes: anstatt
sich zu verstecken, anstatt einzeln zu flüchten, fanden sich immer mehr
Lesben, Schwule und TransGender-Personen vor dem Lokal ein, kesselten die
Polizei im Lokal ein und wehrten sich erstmals gegen die dauernde
Diskriminierung und Belästigung. Diese Nacht gilt als Geburtsstunde der
modernen Lesben- und Schwulenbewegung. Ab diesem Tag bauten sie ein eigenes
Selbstverständnis auf und traten für ihre Rechte ein.
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3
Die Ausstellung "Aus dem Leben" über die nationalsozialistische
Verfolgung der Homosexuellen in Wien 1938-45, die von der Homosexuellen
Initiative (HOSI) Wien im Rahmen von Europride vorbereitet wurde.
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4
Aufgrund der Tatsache, daß die Hofburg und die Gegend um die
Hofburg in der Nacht nicht bewacht werden und somit auch niemand etwas
gehört oder gesehen haben mochte, wie das "kurze" Spektakel, bei dem fest
im Boden verankerte Tafeln umgeworfen wurden, über die Bühne des
Heldenplatzes ging.
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5
Neue Kronenzeitung vom 17. Juni 2001.
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