STIMME von und für Minderheiten # 45

"Die Situation der Roma in der Slowakei ist katastrophal!"

Das roma.theater.exil führte im November "cirvo, der taufpate", ein Stück über die slowakischen Roma, im Wiener Amerlinghaus auf. Im Gespräch mit der selbst aus der Slowakei stammenden Sängerin, Autorin und Menschenrechtsaktivistin Grace Latigo erzählen die slowakischen Roma-SchauspielerInnen des Ensembles aus dem Leben der Roma in ihrem Land. Ein Schreckensbild des Rassismus.

     
 

Grace Latigo: Die meisten SchauspielerInnen des Ensembles sind slowakische Roma.
Kamil Polak: Ja. Unser Stück spricht auch ein Thema an, das jetzt ganz aktuell ist: die Aufnahme der Slowakei in die Europäische Union. Das ist eine Chance für uns Roma. Denn jetzt sind die Medien auf die Situation der Roma in der Slowakei aufmerksam geworden. Und die ist katastrophal.

Vor ein paar Jahren war ich in der Ostslowakei. Ich sah dort Romadörfer, die mich sehr ans Mittelalter erinnert haben. Es gab dort keinen Strom und kein fließendes Wasser.
Kamil Polak: Es ist tatsächlich so, daß die Roma wie im Mittelalter leben, ohne Strom und Wasser. Die EU verschwendet Unmengen an Geldern für Projekte, die für die Roma den Untergang bedeuten. Sie entscheiden sich z. B. dafür, den Roma Häuser zu bauen. Sie bringen irgendwelche Container, stellen sie hin, und das war es. Wir brauchen keine Fische; gebt uns Angeln, und wir fangen uns die Fische selber! Weißt du, wie die Probleme der Roma in den Medien gelöst werden? Einmal im Jahr fährt ein Kamerateam in die Ostslowakei, sie kaufen den Kindern Hefte und Bleistifte, machen ein paar hübsche Bilder, und darunter verstehen sie dann Hilfe für die Roma. In einem Dorf hat man neue Toiletten aus Kunststoff für Roma gebaut. Was passierte nach einer Woche? Die Roma nahmen sie auseinander. Warum? Weil sie die Toiletten nicht selber gebaut hatten, und weil einer von ihnen ein Stück Kunststoff brauchte, um sein Dach zu reparieren, durch das es hineinregnete. Das sind die Lösungen, die zwar für uns gedacht sind, an denen wir aber nicht mitarbeiten und über die wir nicht entscheiden können.

Zuza Rasiova: Die schlimmste Geschichte, die im Moment sehr aktuell ist, ist die eines Dorfes in der Nähe des slowakischen Nationalparks. Auch dort leben die Roma ohne Strom und fließendes Wasser. Jetzt beginnt die kalte Jahreszeit, und natürlich holen sich die Roma das Holz zum Heizen aus den Wäldern, die unter Naturschutz stehen. Die Behörden haben eine bewaffnete Wache aufgestellt, die darauf achten soll, daß sich die Roma kein Holz holen.
Die Roma brauchen Arbeit. Sie haben nicht genug Geld, um zu überleben. Sie haben nichts. Oft nicht einmal etwas zu essen. Die zuständigen Behörden brachten ihnen viele Kubikmeter Holz. Natürlich nehmen sie das Holz. Sie verkaufen es und kaufen sich dafür etwas zu essen und gehen wieder in den Wald, um Holz zu hacken. Das ist ein Grund für die Behörden zu behaupten, daß sie ihnen Holz zukommen ließen, aber sie hätten es wieder verkauft. Damit haben sie gegen die Roma eine Waffe in der Hand und fühlen sich für ihre Anliegen nicht mehr zuständig.

Kamil Polak: Weißt du, wieviel Geld es für Roma gibt, die arbeitslos sind? 70 Euro im Monat. Davon muß eine dreiköpfige Familie leben.

Gibt es eine Menschenrechtsorganisation, die sich mit der dramatischen Situation der Roma in der Slowakei beschäftigt?
Maja Repaska: Ich kenne nur einen ganz kleinen Verein, aber der befindet sich in schrecklicher Geldnot. Sie arbeiten mit dem Verein Zebra zusammen und interessieren sich nur für manche der Themen.

Kamil Polak: Sie bieten allerdings auch keine zufriedenstellenden Lösungen an, und ihre Kritik ist nicht ausreichend. Wir haben einen Zuwachs an jungen, intellektuellen, studierten Roma. Sie könnten zwar das Wort ergreifen, aber im Moment ist die Uneinigkeit das Problem. Sie haben kein Geld, und wenn sie es ganz nach oben schaffen, erwartet man von ihnen, daß sie ihre Identität verleugnen.

Was macht ihr konkret?
Maja Repaska: Wir haben in der Ostslowakei eine Gruppe für Romakinder gegründet. Eine offiziell angemeldete Organisation. Wir lehren sie tanzen, singen und ein bißchen Thetaer spielen. Die Kinder sind sehr begeistert. Aber von Anfang an waren wir ein Störfaktor. Wir brauchten einen Raum. Der erste, an den wir uns gewendet haben, war der Bürgermeister, und danach die Schuldirektorin. Es gibt genügend freie Häuser. Sie sind unbenutzt, es passiert nichts dort. Eines dieser Häuser gehört dem Gesundheitsministerium. Wir haben um die Benützung dieses Gebäudes angesucht. Sie haben es uns für eine sehr hohe Summe zum Kauf angeboten. Niemand von uns konnte sich das leisten. Danach haben wir die Direktorin der Grundschule gefragt, ob sie uns einen Raum zur Verfügung stellen könnte. Den Turnsaal oder irgendeine Klasse. Weißt du, wem sie den Vorrang gab? Einer Gruppe von 28jährigen Typen, die dort Basketball spielen wollten und gar nichts mit der Grundschule zu tun haben. Diese Schule wird von 50 Prozent Roma und von 50 Prozent slowakischen Kindern besucht. Die Direktorin beschwert sich ständig, daß die Romakinder keine Hefte und Bleistifte haben. Nicht daß sie froh darüber wäre, daß sich die Kinder nicht auf der Straße herumtreiben. Sie ging sogar noch weiter: Kindern, die kein Lineal, keinen Zirkel und keine Bleistifte besitzen, verbot sie, an unserer Gruppe teilzunehmen. Sie versuchte die Kinder gegen uns aufzuhetzen. Wir haben den Kontakt zu ihr abgebrochen. Mein Schwager hat sie noch als Rassistin beschimpft, und das war’s. Ich habe ihr natürlich auch meine Meinung gesagt. Damals ist eine Frau ins Dorf gekommen, die in einer Organisation arbeitete.

Welche Organisation war das?
Stano Ziga: Eine holländische Organisation, die Gelder zur Erhaltung der Romakultur bereitstellte. Gleich waren ein paar weiße Slowaken da. Sie argumentierten damit, was für gute Dinge sie für die Roma tun wollten. Sie machten es sehr schlau. Sie suchten sich einen Rom aus, dem sie geholfen haben. Das restliche Geld, das für die Roma gedacht war, teilte der Bürgermeister unter Fußball- und Fischervereinen auf, die nichts mit den Roma zu tun haben. Sie alle nehmen Gelder, die zwar für die Roma bestimmt sind, die wir aber nie zu Gesicht bekommen. Als eine Kommission gekommen ist, um die Situation zu prüfen, wurde eine Veranstaltung organisiert, bei der sie sich mit den Roma über deren Situation unterhalten wollte. Wir haben dort zufällig einen Auftritt gehabt. Mit Entsetzen stellten wir fest, daß bei dieser Veranstaltung kein einziger Rom/keine Romni anwesend war. Es waren dort nur Bürgermeister anwesend, die für die Roma Geld kassiert hatten. Einer von ihnen war vor Jahren für einen Skandal verantwortlich. Er hatte ein Gesetz in seiner Ortschaft eingeführt, demzufolge es keinem Rom/keiner Romni erlaubt war, sich nach 22 Uhr auf der Straße aufzuhalten. Wenn es doch der Fall war, hat die Polizei diese Person sofort verhaftet.

Maja Repaska: Und dieser Mann arbeitet jetzt mit den Geldern, die für die Roma bestimmt sind. Er gewinnt eine Wahl nach der anderen und das seit Jahren.

Wie sollte die richtige Unterstützung von seiten der Österreicher aussehen?
Kamil Polak: Ich weiß genau, was ich mir von Österreich erwarte. Ein so nah benachbarter Staat sollte den Roma politisches oder wirtschaftliches Asyl gewähren. Damit würde Österreich bestätigen, daß in der Slowakei etwas nicht in Ordnung ist. Die Slowakei muß dazu gezwungen werden, etwas gegen diese Mißstände zu tun. Denn wenn man nur eine Beobachtungskommission hinschickt, sind die Slowaken fähig, die Wiese grün zu streichen, um zu zeigen, daß alles in Ordnung ist. Es ist aber nichts in Ordnung.

Gebt mir ein paar Beispiele für den Rassismus, dem ihr ausgesetzt seid.
Maja Repaska: Ein klassisches Beispiel: Wir hatten einen Auftritt, bei dem wir großen Erfolg hatten. Die slowakischen Veranstalter holten uns von der Bühne, weil wir erfolgreicher als die anderen waren.

Stano Ziga: Ich war bei einem Arzt, der mich nicht angreifen wollte. Er wollte mich nicht behandeln, bis ich ausgerastet bin. Ich fragte ihn, ob er mich ins Grab bringen will. Endlich hat er mir dann eine Injektion verpaßt. Ich durfte mich aber nicht auf das Behandlungsbett legen, damit ich es nicht beschmutze.

Maja Repaska: Als ich auf der Entbindungsstation war, das war kein Krankenhaus, sondern eine Fleischhauerei. Ein langer Gang mit vier Zimmern, eines für Romnia und die anderen für Gadschefrauen. Wir hatten getrennte Toiletten, und wir durften nicht außerhalb des Zimmers essen, obwohl es einen eigenen Speisesaal gab. Getrennte Toiletten, getrennte Kirchen, getrennte Schulen.

Das ist Apartheid!
Stano Ziga: Am süßesten sind die kleinen Kinder. Du triffst ein zweijähriges Gadschokind. Es kann zwar noch nicht "Mama, ich will pipi" sagen, aber es kann schon Neger und Zigeuner sagen, schön oder? Als ich einmal einkaufen war, hat man mir erklärt, daß mein Geld nicht das gleiche ist wie das der Slowaken.

Kamil Polak: Mir ist es mindestens 15 Mal passiert, daß ich aufgrund meiner Hautfarbe nicht in Bars reingelassen wurde. Kein Zutritt für Roma.

Stano Ziga: Ich hab noch gar nicht von den toten Roma gesprochen, die von slowakischen Rassisten getötet wurden. Den jungen Mario Goral aus Ziar nad Hronom z. B., den sie zuerst mit Benzin übergossen und dann angezündet haben. In einem anderen Fall stürmten Skinheads das Haus einer Familie und haben alle umgebracht. Die meisten der Skinheads sind Kinder von Ärzten und Richtern. Ich persönlich wurde mindestenst viermal zusammengeschlagen. Einmal zertrümmerten sie eine Bierflasche auf meinem Kopf. Maja, meine Frau, hat mich nach Hause geschleppt. Das Ganze fängt schon in der Straßenbahn an. Wir hatten schon einmal eine Schlägerei in der Sraßenbahn. Meine größte Angst ist, daß unsere kleine Tochter einmal mit dabei sein könnte, und auch sie daran glauben müßte. Die Skins würden sie hemmungslos erschlagen.

Kamil Polak: Es gibt Atteste von Ärzten, Anzeigen bei der Polizei, und trotzdem passiert nichts. Was willst du machen, wenn die Polizei jedesmal behauptet, daß du sie provoziert hast.

Stano Ziga: Vor kurzem ist in der Slowakei folgendes passiert: Ein 60jähriger Mann kam in ein Romadorf und erschoß einen Mann, seine Frau und ihre zwei kleinen Kinder. Ein 60jähriger Mann! Ein Kind war noch ein Säugling. Das Fernsehen brachte es wie einen großen Spaß, weil ein Rom, der bei der Sache dabei war, so geschockt war, daß er sich vor der Kamera die Pulsadern aufgeschnitten hat. Das einzige, was sie im Fernsehen gezeigt haben, war eben dieser Mann. Die restliche Geschichte haben sie unter den Tisch gekehrt. Dem Täter gelang die Flucht. Das ist kein Rassismus, oder? Und was ist mit der Familie Balaz, bei der Skins das Haus gestürmt und vor den Augen der Kinder die Mutter erschlagen haben?

Kamil Polak: Wenn ein Slowake eine Romafamilie ausrottet, wird im nachhinein darüber diskutiert, ob es rassistische Motive gab, oder ob nicht vielleicht die Roma selbst daran schuld waren, weil sie provoziert haben. Als die Skinheads Mario Goral verbrannt haben, kam die ganze Regierung, und sie gaben der Mutter 60.000 Kronen (1454 Euro), damit sie nichts weiter unternimmt.

Zuza Rasiova: Neulich haben die Skinheads einen kleinen Jungen erschlagen. Es war den Medien nur einen ganz kleinen Artikel wert.

Kamil Polak: Ich möchte demnächst bei der österreichischen Regierung offiziell um politisches Asyl ansuchen. Solange die Slowakei die Lage der Roma und der Menschenrechte nicht in den Griff bekommt, bin ich aber gegen einen EU-Beitritt.