STIMME von und für Minderheiten # 47

Tourismus, Rassismus und Sexismus

von Paul Scheibelhofer

Moderner Tourismus ist durchzogen von Rassismen und Sexismen.

     
 

Aus dem modernen Lebensgefühl der Mittelschicht ist der regelmäßige Urlaub in mehr oder weniger fernen Ländern nicht mehr wegzudenken. Die Tourismusindustrie zählt seit den 60er Jahren weltweit zu einem der am stärksten wachsenden Industriezweigen. Zu einem überwiegenden Teil bleibt das Geld "in der Familie" – allein drei Viertel der Tourismus-Einnahmen entfallen auf europäische Länder. Die für den Welthandel typischen Austauschbeziehungen herrschen also auch in diesem Bereich. Grund genug, um zu fragen, ob es ein faires Reisen geben kann oder ob Gewaltstrukturen wie Rassismus und Sexismus nicht ein immanenter Bestandteil des Phänomens Tourismus sind.

Verwandtschaft mit Kolonialismus
Aus historischer Perspektive zeigen sich Kontinuitäten, aber auch Brüche und aktuelle Differenzierungen, so Franz Kolland, Soziologe an der Universität Wien. Bis Mitte des 19. Jahrhunderts war das Reisen verknüpft mit kolonialer Expansion und wurde ideologisch gestützt durch eine Sicht auf den Fremden als zu zivilisierenden Anderen. Um die wirtschaftliche und politische Unterwerfung zu rechtfertigen, mußte eine Trennlinie zwischen die Kultur der Reisenden und die der Bereisten gezogen werden. Wobei schon damals ein "Kippeffekt" das Denken über die Anderen bestimmte, der sich in Bildern des bestialischen, aber auch edlen Wilden wiederfinden läßt. Die kolonialen Reisen legitimierten sich über rassistische Diskurse, die wohl am besten im Gegensatzpaar Kultur vs. Natur ablesbar sind. Während der Reisende ersteres repräsentierte, wurden die Bereisten als naturverbunden imaginiert.

Mitte des 19. Jahrhunderts begannen die Bildungsreisen der Adeligen, aber allmählich kam es zu einer "Demokratisierung" des Reisens; durch zunehmenden Wohlstand und erleichterte Transportmöglichkeiten konnten sich nun immer mehr Menschen Fernreisen leisten. Jedoch mußten die Destinationen der Oberschicht immer ferner und exklusiver werden, um noch genügend symbolisches Kapital abzuwerfen.

Kulturtourismus als kultureller Rassismus?
In ihrem Beitrag zum 2002 erschienenen Sammelband Im Handgepäck Rassismus (hg. von Martina Backes u. a.; Verlag iz3w) sieht Tina Goethe genau in der Konstruiertheit des Fremden die Parallele zwischen Tourismus und Rassismus. Beide Ideologien müssen das erst schaffen, was sie später verachten, beschreiben oder bereisen. Wobei das Fremdbild, das zu Hause oft zu Rassismen führt, beim Reisen in Bewunderung umschlägt. Das Fremde ist dann gut, wenn es dort ist, "wo es hingehört". Die bereisten Kulturen werden auch heute noch als "ortsgebunden" betrachtet. Sie "wachsen" nur in bestimmten Regionen, die für sie günstig sind. Der Trend zum Kulturtourismus läßt sich als Form eines modernen, "kulturellen Rassismus" lesen. Die permanente Suche nach Authentizität steht hier im Vordergrund. Waren es früher eher sites, sind es heute eher people, die besucht werden. Der/die hochflexible, atypisch angestellte Reisende kann sich erfreuen an der unterstellten Verwurzelung und Ausgeglichenheit der Fremden, die ihre kulturellen Spektakel in konsumierbarer Form zur Schau stellen.

Aber auch in der üblichen Kritik am Tourismus reproduziert sich diese Sicht der Dinge. Dem Diskurs "Tourismus als Zerstörung des kulturellen Erbes" liegt oft die Idee zugrunde, daß gewisse Kulturen in ihrer Eigenart erhalten bleiben müssen; daß jeder Einfluß von außen zu einem gefährlichen Ungleichgewicht statt zu produktiver Veränderung führen muß. In solch multikulturalistischem Paternalismus spricht wiederum der/die Unmarkierte über die, deren Identität verwurzelt ist in Kultur.

Sexismus und Tourismus
Daß Tourismus auch von sexistischen Strukturen durchzogen ist, läßt sich an der Darstellung der Frauen sowohl im "ganz normalen" Tourismus wie im Sextourismus ablesen. So wird etwa in der Bildersprache von Reiseprospekten ein Stereotyp wiederholt reproduziert: Ganze Länder werden hier oft durch die Abbildung von sexualisierten Frauen vor "unberührter" Natur dargestellt und beworben. In dieser visuellen Konstruktion, so Ursula Biemann im erwähnten Sammelband, wird ein traditionelles, militärisch-koloniales Machtverhältnis fortgeschrieben: "Der weibliche Körper schließt immer schon das Begehren nach Eroberung in sich ein." So kann Sextourismus als eine Verschärfung der herrschenden Geschlechterverhältnisse im Tourismus gesehen werden.

Es kann also mit Recht gesagt werden, daß moderner Tourismus durchzogen ist von Rassismen und Sexismen. Aber handelt es sich um eine unauflösliche Verquickung? Die TheoretikerInnen sind sich nicht einig. Versuche einer nachhaltigen Änderung im Tourismus gibt es. Das respect, Institut für integrativen Tourismus und Entwicklung in Wien arbeitet seit Jahren an diesem Projekt. Durch Informationskampagnen, die sich an Reisende richten, und Empowermentprojekte in den bereisten Regionen will es ideologische und materielle Strukturen ändern. Durch Broschüren, In-Flight-Videos u. ä. werden TouristInnen zu Respekt vor den Verhältnissen im Reiseland ermahnt. Bereits erfolgreiche Projekte mit den "Bereisten" zielen auf aktive Partizipation bei Planung und Ausführung des sie betreffenden Tourismus und eine gerechte Gewinnbeteiligung ab.

Aber leicht ändern sich die Strukturen nicht, so der Institutsleiter Christian Baumgartner. Sowohl Reisende als auch Reiseanbieter setzen sich nicht gerne mit so "realen" Problemen wie Kinderprostitution auseinander. Die wirtschaftlichen Strukturen im bereisten Land sind natürlich auch ein umkämpftes Terrain, in dem mächtige transnationale Konzerne agieren. Ob es nun rein theoretisch faires Reisen geben kann oder nicht, läßt sich nicht sagen. Aber daß konstruktive Kritik und Versuche einer Reform des Tourismus angebracht sind, ergibt sich schon aus der "Macht des Faktischen". Bis auf weiteres wird Tourismus nämlich praktiziert werden, egal ob fair oder nicht.

Paul Scheibelhofer ist "Radio-Stimme"-Mitarbeiter.

Diese Nachlese basiert auf der "Radio Stimme"-Sendung vom 20. Mai 2003, gesendet auf Orange 94.0.
Die Sendungen von "Radio Stimme" sind im Internet downloadbar.