STIMME von und für Minderheiten # 48

Arme Hascherln?
Über die Konstruktion von Hilfsbedürftigkeit und den strategischen Einsatz von Mitleid

von Gerd Valchars

Der Erlös einer Spendenaktion kann Symptome bekämpfen, die eigentlichen Ursachen der Benachteiligungen und der angeblichen Hilfsbedürftigkeit jedoch werden aufgrund der falschen Bilder und der damit verbundenen Zementierung der Strukturen nicht einmal angetastet, sondern erst recht fixiert – am Beispiel von "World Vision" und "Licht ins Dunkel" dargestellt.

     
 

Fast egal, wofür wir spenden sollen, es sind immer die selben Bilder, die uns über Plakate, Folder oder das Fernsehen erreichen. Um Spenden lukrieren zu können, braucht es Opfer. Herzige Buben und Mädchen, die traurig in die Kamera und vom Plakat blicken. Einmal haben sie Hunger, das andere Mal sind sie "an den Rollstuhl gefesselt". Die Öffentlichkeitsarbeit der Spendenindustrie ist voll von Klischees und stark emotionalisierenden Bildern. Und die Spendenorganisationen werden dadurch oftmals zu einem Teil des Problems, das sie vorgeben, lösen zu wollen. Eine Betrachtung anhand zweier Beispiele.

Unschuldig und unfähig: World Vision
In einer Wohlstandsgesellschaft wie der österreichischen lebt der Großteil der Menschen in sozialer und ökonomischer Sicherheit, man ist eingebunden in ein funktionierendes System und integriertes Mitglied der Gesellschaft. Und doch kennt man das Gesicht von Armut und Hilflosigkeit. Tagtäglich blicken uns "Opfer" von Dürre, Hunger, körperlicher Behinderung und ähnlichem in die Augen. Sie sind auf Plakatwänden und Foldern, Broschüren und Magazinen abgedruckt, um uns an das Leid in der Welt zu erinnern. Die Öffentlichkeitsarbeit diverser Hilfsorganisationen arbeitet mit der Konstruktion von Hilfsbedürftigkeit.

Die Darstellung der Menschen, denen geholfen werden soll, ähneln sich hierbei in vielerlei Hinsicht. Fast scheint es, als wären bestimmte Muster vorgegeben: abgebildet wird das hilfsbedürftige Opfer, ein einprägsamer Satz erinnert den Betrachter und die Betrachterin an die zutiefst bemitleidenswerte Situation und gibt zugleich auch das Mittel zur Rettung in die Hand – eine kleine Spende, und das Problem, sei es nun Hunger, Blindheit oder soziale Ausgrenzung, wird durch die Organisation gelöst. Die Menschen werden nur allzuoft als rein passives Objekt, als empfangendes Opfer dargestellt, das unschuldig, aber anscheinend auch unfähig ist, sich selbst zu helfen.

Und so ist es Zukunft, die man beispielsweise bei World Vision schenken kann, wie einer der Slogans lautet. Im Fall World Vision geht das mit einer Kinderpatenschaft. Der generöse Österreicher und die spendable Österreicherin übernehmen für 30 Euro im Monat die Patenschaft über ein Kind in ausgewählten Projektgebieten. Das gespendete Geld kommt dabei aber, das sei herausgestrichen, nicht alleine dem ausgewählten Kind zugute. Es sind konkrete lokale Projekte, wie die langfristige Investition in die Infrastruktur, die Bildung oder beispielsweise die Trinkwasserversorgung, die finanziert werden. Darüber hinaus aber werden speziell für das Patenkind die Schulbildung, medizinische Grundversorgung und Ernährung gesichert.

Das Konzept der Kinderpatenschaft kann als Strategie angesehen werden. Als eine Methode, Spendengelder für Projekte der Entwicklungszusammenarbeit zu akquirieren und Spenderinnen und Spender vor allem langfristig zu binden. Durch die Verknüpfung der Spendentätigkeit mit einer konkreten Person, der das Geld direkt und indirekt zugute kommt, wird eine höhere subjektive Verantwortung bei den SpenderInnen erzeugt. Ein Aufhören fällt da sicherlich wesentlich schwerer, als wenn man für ein anonymes Projekt Geld spenden würde. Die Tatsache, daß es Kinder sind, denen man eine "Zukunft schenken" kann, wirkt zusätzlich emotionalisierend.

Durch dieses Konzept verlagert sich der Akt des Spendens auf eine sehr persönliche Ebene. Für die Spender und Spenderinnen ist es auch die Sicherheit zu wissen, was mit dem gespendeten Geld konkret passiert, und vor allem an einem konkreten Menschen-, an einem konkreten Kinderschicksal beobachten zu können, wie sich die Spende auswirkt. Wohl aber auch, sehen zu können, wie man selbst "Gutes tut".

Brav danken?
Gerade aber durch die persönliche Bekanntschaft von Spender respektive Spenderin und den NutznießerInnen der Spende, den Patenkindern, kann auch sehr leicht ein Gefühl von extremer Abhängigkeit entstehen. Nicht alle, aber viele, wahrscheinlich die meisten Pateneltern stehen in Briefkontakt mit ihren Patenkindern, einige besuchen diese auch. Auch wenn es von World Vision nicht gefordert wird, so muß doch ein starker subjektiver Druck entstehen, für die Spende Dankbarkeit zu zeigen. Die Investition des reichen Europäers in meine Zukunft muß gerechtfertigt werden. Für soviel Geld hat er sich schon etwas Dankbarkeit verdient. Ständig danke sagen zu müssen, kann aber bald sehr anstrengend werden. Und das Bild von einem selbstbestimmten Leben, in dem ich über meine Zukunft entscheide, läßt sich nur schwer verbinden mit einer – durchaus auch lediglich subjektiv empfundenen – Verpflichtung, sich für Bildung, Grundwasserversorgung oder Infrastruktur bei jemandem bedanken zu müssen. Und was, wenn ich nicht regelmäßig schreibe, wird der oder die generöse SpenderIn dann nicht vielleicht die Spende einstellen? Gefährde ich durch mein Nicht-Schreiben dann nicht vielleicht das Projekt und damit meine und die Zukunft der Dorfgemeinschaft?

Dieses Konzept der Kinderpatenschaft, wie es in Österreich nur von World Vision angewandt wird, verstärkt die Machtstrukturen und das Abhängigkeitsverhältnis, wie sie jeder Beziehung zwischen großzügigen und potenten Spenderinnen und Spendern und bemitleidenswerten und hilfsbedürftigen Opfern zugrunde liegen, und treibt es auf seine Spitze. Spendenakquirierung basiert aber nun einmal auf der Konstruktion von Hilflosig- und Hilfsbedürftigkeit und appelliert an unser aller Mitgefühl. Diese Tatsache schlägt sich auf die Repräsentation der betroffenen Menschen nieder.

Die verschiedenen Organisationen in der Entwicklungszusammenarbeit unterscheiden sich hier nur graduell. Die Gesetze der Werbung sind es nämlich, so wird argumentiert, die die Bilder und Slogans, mit denen die Aufrufe zum Spenden unterlegt und illustriert werden, bestimmen – und denen könne sich niemand verschließen. Werbung aber basiert nun einmal auf einem einfachen Reiz-Reaktionsschema und der Reduktion von Information. Das Leid und Unglück der Menschen muß in seiner vollen Tragweite und Auswirkung dargestellt werden, die Lösung (Geld spenden) muß einfach sein, für die Gründe und Ursachen, die die Situation erst entstehen ließen und unsere Hilfe notwendig gemacht haben, bleibt aber natürlich keine Zeit mehr in einem 30-Sekunden-Spot. Am ehesten sind es noch Naturkatastrophen wie Dürre, Hochwasser oder Erdbeben, ganz sicher aber nicht die strukturelle und systematische Abhängigkeit und Ausbeutung des Südens von und durch den Norden. Schließlich will man niemandem ein schlechtes Gewissen machen – denn ein schlechtes Gewissen führt höchstens zu Verdrängung, aber selten zum Öffnen der Geldbörse.

So besteht der riesige Kontinent Afrika in unseren Köpfen aus einer Handvoll korrupter und bellizistischer Regierungen, von denen wir ab und an in den Abendnachrichten hören, und einer Armee von kleinen Kindern, die abgemagert und mit aufgeblähten Bäuchen im Sterben liegen, während Fliegen um ihre Köpfe schwirren – mehr kennen wir nicht.

Gnade statt Recht: Licht ins Dunkel
Aber was für die Entwicklungszusammenarbeit gilt, gilt genauso für die spendenbasierte Behindertenarbeit. Um Spenden lukrieren zu können, braucht es Opfer. Hier ist es eben nicht die Dürrekatastrophe, die die Menschen zu solchen gemacht hat, sondern "das Leben", das ihnen schwer mitgespielt und sie "an den Rollstuhl gefesselt" hat. Alles dominierender und omnipräsenter Akteur in diesem Bereich ist Licht ins Dunkel, die Spendenmaschinerie des ORF. Auch hier gilt: die Betroffenen sind fast ausschließlich Kinder, das Schicksal hat sie schwer getroffen. Sie sind arm, mitleidserregend und brauchen unsere Hilfe. Ohne unsere Hilfe sind sie hilflos.

Licht ins Dunkel wird seit langen Jahren wegen seiner Darstellung behinderter Menschen und der Art, Spenden zu sammeln, von den verschiedensten Vereinen und Organisationen der Behindertenbewegung heftig kritisiert. Das Leben vom Menschen mit Behinderungen muß ein selbstbestimmtes, die Integration in den Arbeitsmarkt, die Teilhabe am öffentlichen und sozialen Leben müssen rechtlich gewährleistet sein; auf die spezielle Förderung und die Finanzierung von Hilfsmitteln muß ein Rechtsanspruch bestehen. Eine Spende ist freiwillig, wer spendet, läßt Gnade ergehen, kein Recht; er macht abhängig, nicht selbstbestimmt. Nicht genug, daß sich Menschen mit Behinderungen in dem von ihnen über die Medien transportierten Bild nicht wiedererkennen und daß sie sich in ihrer Würde und Achtung verletzt fühlen – das medial verbreitete Bild von behinderten Menschen wirkt sogar deutlich kontraproduktiv; es verhindert oder erschwert die tatsächliche Integration behinderter Menschen.

Desintegration via Spende
Denn um Spenden lukrieren zu können, werden sie als arm und schwach dargestellt, ihre "Defizite" werden aufgezeigt und hervorgestrichen. Die Wirtschaft jedoch sucht ihre Arbeitskräfte nach genau den gegenteiligen Kriterien aus: Die Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter sollen intelligent und fähig sein, stark und geschickt, alles andere als auf Hilfe angewiesen. Da aber das in den Medien und den Köpfen weitverbreitete Bild von behinderten Menschen jenes der oben beschriebenen hilflosen Kreatur ist, ist es nicht verwunderlich, wenn sich Menschen mit Behinderungen schwertun, ihre Arbeitskraft am freien Markt zu verkaufen. Die Spendenaktion wirkt desintegrierend, obwohl vorgegeben wird, für Integration zu spenden. Wie gesagt: Die Aktion wird zum Teil des Problems, das sie vorgibt, lösen zu wollen.

Der Erlös einer Spendenaktion da wie dort kann Symptome bekämpfen, die eigentlichen Ursachen der Benachteiligungen und damit der angeblichen Hilfsbedürftigkeit jedoch werden aufgrund der falschen Bilder und der damit verbundenen Zementierung der Strukturen nicht einmal angetastet – nein, erst recht fixiert.

Gerd Valchars ist koordinierender Mitarbeiter der Initiative-Minderheiten-Sendung "Radio Stimme".

Diese Nachlese basiert auf der "Radio Stimme"-Sendung vom 1. Juli 2003, gesendet auf Orange 94.0.
Diese und alle weiteren Sendungen von "Radio Stimme" sind im Internet hör- und downloadbar.