STIMME von und für Minderheiten # 49
Brief nach Istanbul
Meine Lieben in der Türkei ...
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... in der letzten STIMME konnte ich noch einmal von Istanbul nach Hause berichten, so wie in den vergangenen sechs Jahren, jetzt erzähle ich Euch (hier in der nicht reformierten Rechtschreibung, denn ich finde es eine schönere Ausdrucksweise, wenn das Du und Dir und Euch ... weiterhin groß geschrieben wird und nicht nur das höfliche Sie als Euer ehemaliger Deutschlehrer, meine lieben Schülerinnen und Schüler, müßte ich es Euch anders lehren, aber das bin ich ja jetzt nicht mehr), ich berichte also, was sich hier in Österreich und in meiner näheren Umgebung alles tut. Ich weiß nicht, ob sich da immer wirklich Berichtenswertes ereignet, aber ich werde jedenfalls aufmerksam beobachten. Ich danke Euch, daß Ihr mir so einen Abschied bereitet habt, das kann man sich in Österreich gar nicht vorstellen, denn die Schüler-Lehrer-Beziehung ist hier eher distanzierter und kühler, außer man ist ein Lehrer im Stil von "Gott Kupfer", dann können sich sehr wohl Gefühle einstellen, aber nicht solche, die Ihr mir gezeigt habt. Weil ich dort so viel Freundlichkeit und Gastfreundschaft erlebt habe, tut es mir besonders weh und macht mich zornig, wenn hier Ausländer, und speziell Türken, schlecht behandelt und diskriminiert werden. Das war in letzter Zeit und im Wahlkampf besonders arg. Eine Umfrage stellte fest, daß ein Drittel der Österreicher ausländerfeindlich sei, man kann es fast nicht glauben, aber das Wahlergebnis scheint es zu bestätigen. Wobei festzustellen ist, daß sich die Ausländerfeinde nicht nur in den Reihen der FPÖ befinden. In Sorge um die Zustände bei uns habe ich einen Leserbrief verfaßt; er wurde wegen zu großer "Angriffigkeit" vom Herausgeber der Zeitung nicht gebracht. Hier der zu angriffige Text (etwas gekürzt): Vom Kinderscheck zum Ausländerschreck spannt sich der Bogen der Wahlwerbung der sogenannten Freiheitlichen und ebensolchen Unabhängigen, Stop der Überfremdung! und Er spricht unsere Sprache! und Ein echter Österreicher! .... Schamesröte steigt mir ins Gesicht, wenn sich mir, dem Heimkehrer aus dem Ausland, derartige Parolen, ausländerfeindliche Slogans breitbeinig in den Weg stellen. Da wird mir eng, und eine Last legt sich mir auf die Atmung. Eben nach Jahren wieder aus der Türkei heimgekehrt, wo man zwar zur Zeit nach der Erdbebenkatastrophe andere Probleme als Haiderei und Lugnerei hat, entdecke ich mit Entsetzen, daß trotz EU und Streben nach Internationalität und guter Position auf dem Weltmarkt ein unsympathischer, dummer, kleinkarierter Provinzialismus, der sich in Rassismus und Faschismus äußert, breite Zustimmung und Anhängerschaft sucht und findet. Diese Parolen spielen dummschlau mit der Uninformiertheit und der Angst kleiner Leute jener nämlich, die nicht wissen, daß Europa vor 150 Jahren arm und ein Auswanderungskontinent war: 50 Millionen Europäer verließen von 1820 bis 1930 aus wirtschaftlichen Gründen ihre Heimat; die Zahl entspricht etwa einem Fünftel der damaligen Gesamtbevölkerung Europas. Viele Österreicher und bekanntlich auch Tiroler (Pozuzo, Dreizehnlinden ...) waren unter ihnen. Auch in die Gegenrichtung wurde gewandert, die österreichischen Kernlande, besonders die Reichshauptstadt Wien, zogen aus der großen Habsburgermonarchie viele Menschen an. Woher kämen denn dann die Kabas, Albertini, Banffy, Bilgeri, Carotta, Caumont, Codemo, Crepaz, Czerny, Dellemann bis Venier, Zerza (zufällige Auswahl aus dem Landecker Telefonbuch)?; meine Nitsche-Ahnen waren böhmische Leinenweber, mein Großvater arbeitete 40 Jahre in Brasilien, weil er in Österreich in seinem Beruf keine Arbeit fand. Das aktuelle sogenannte "10. Bundesland", die AuslandsösterreicherInnen, darf in solchem Zusammenhang natürlich nicht vergessen werden. Fast gleich viele sind es, wie Ausländer bei uns sind; ich selbst war acht Jahre einer davon, nicht aus Not wie viele der Ausländer bei uns. Jene, die sich durch Ausländer-raus!-Slogans ansprechen lassen, wissen das alles wohl nicht und auch nicht, daß die österreichische Bundesregierung Anfang der 60er Jahre mit Jugoslawien und der Türkei Verträge abschloß, weil Österreich dringend Arbeiter brauchte; sie haben an dem damaligen österreichischen Wirtschaftswunder mitgearbeitet und es erst ermöglicht. Das Anwerbebüro in Istanbul wurde erst vor wenigen Jahren geschlossen. Wenn Kärnten von Haiders Ungnaden keine Ausländer mehr aufnimmt, dann sollten Ausländer (vielleicht auch mit ihnen sympathisierende Inländer) das ernst nehmen, nicht hinfahren und lieber Urlaub in anderen Bundesländern machen: Touristen sind ja meist auch Ausländer, also Touristenboykott gegen Ausländerstopp! WIR ALLE SIND AUSLÄNDER FAST ÜBERALL! (Klaus Staeck) Gerald Kurdoğlu* Nitsche (* den türkischen Namen Sohn des Kurt trage ich seit Jahren als "nom de guerre", als Ausdruck des Protests gegen Ausländerfeindlichkeit in Österreich.) Abschließend sollt Ihr wissen, daß Ihr bei mir jederzeit herzlich willkommen seid. Aus: STIMME Nr. 32 / III 1999 |