STIMME von und für Minderheiten # 50
Thema: Sexarbeit
von Paul Scheibelhofer
Nur wenige Themen sind so umstritten wie die Prostitution. In allen gesellschaftlichen Lagern herrscht Unklarheit darüber, wie sie eingeschätzt werden soll. Unterschiedliche Auffassungen führen zu unterschiedlichen Forderungen, Polemiken und Politiken. Eine echte Auseinandersetzung gibt es in Österreich aber nicht.
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Sexarbeit schafft es sehr selten in die Medien – und wenn doch, so meist in skandalisierender Form. Sexarbeit muss „Zwangsprostitution“ sein, um eine Story abzugeben. In diesem Artikel geht es nicht vornehmlich um die Darstellung der katastrophalen Lebensumstände, in denen viele Sexarbeiterinnen leben und arbeiten. Dass diese Zustände existieren und unhaltbar sind, ist offensichtlich – erst unlängst gewährte ein Falter-Artikel erschreckende Einblicke in die „Normalität“ von Sexarbeiterinnen in Österreich1. Hier soll es aber um andere Aspekte dieses angeblich ältesten Gewerbes der Welt gehen. Es soll hier der Umgang und die Thematisierung von Sexarbeit in Politik, Theorie und Medien hinterfragt werden. Denn, so wichtig auch Texte sind, die ein Licht auf die Lebensumstände von Sexarbeiterinnen werfen, muss auch gefragt werden, was nicht gesehen wird, wenn allein diese Perspektive eingenommen wird. Opfer und Subjekte Öffentlichkeitsarbeit heißt in diesem Bereich vor allem: Dekonstruktion der herrschenden, öffentlichen Meinung. Nur allzu oft würden alle Migrantinnen in der Sexarbeit als Opfer des Frauenhandels gesehen, so Bernadette Karner von LEFÖ. Dadurch brauchen diese Frauen nicht als selbstbewusst entscheidende Subjekte wahr-und ernst genommen zu werden. Opfer sind einfach zu behandeln, man braucht sie ja nur zu retten und sich nicht weiter mit ihnen und ihren Motivationen auseinander zu setzen. Doch was sich in den Medien als Errettung aus unmenschlichen Verhältnissen verkaufen lässt, bedeutet in der Realität der Frauen oft eine weitere Gefahr. Denn solange die österreichischen Fremdengesetze den „befreiten Opfern“ keinen Schutz vor Abschiebung gewährleisten, blicken viele dieser Frauen einer Zukunft entgegen in einer Heimat, in der sich keine Möglichkeit zur Erhaltung der eigenen und familiären Existenz bietet. Aus dem medial konstruierten „Opfer des Frauenhandels“ muss ein Subjekt „gemacht“ werden. Dann bröckelt die simple Erlösungslogik, und es kann gefragt werden, was diese Frauen dazu zwingt, in unmenschlichen Verhältnissen zu bleiben. Neben ökonomischer Not, der Macht von Freiern und transnationalen Netzwerken muss dann auch die offizielle, staatliche Praxis hinterfragt werden. Ausflüsse
und Eindämmungen Ganz in diesem Sinne ist auch die österreichische Gesetzgebung, die seit über hundert Jahren vorschreibt, dass sich Frauen wöchentlichen „Gesundheitsuntersuchungen“ unterziehen müssen, wollen sie legal als Sexarbeiterinnen tätig sein. Frauen werden kontrolliert – Männer werden aus ihrer Verantwortung gezogen. So zeigten Untersuchungen, dass Männer geneigt sind, ungeschützten Sex eher in jenen Ländern zu verlangen, wo Sexarbeiterinnen einen „Persilschein“ haben müssen, als in solchen, wo dies nicht Vorschrift ist. Die verpflichtende Gesundenuntersuchung gefährdet also die Gesundheit der Frauen. NGOs fordern deshalb schon seit Langem die Abschaffung der Verpflichtung und einen freien Zugang zu medizinischer Versorgung für alle in der Sexarbeit Tätigen – egal welchen rechtlichen Aufenthaltsstatus diese haben. Das österreichische Prostitutionsrecht ist komplex und schwerfällig. Ohne öffentliche Debatten darüber kam es im Sommer 2003 zu einer Novelle des Wiener Prostitutionsgesetzes, die alle Parteien freut. Die SPÖ freut sich, weil Männer, die Frauen nach Sexdienstleistungen fragen, die nicht als Sexarbeiterinnen tätig sind und sich dadurch belästigt fühlen, nun leichter angezeigt werden können. Die FPÖ wiederum freut sich, da nun Hauseigentümer, in deren Häusern sich illegale Bordelle befinden, stärker bestraft werden. Die Grünen begrüßen wiederum, dass illegal arbeitende Sexarbeiterinnen nun weniger hohe Geldstrafen zu bezahlen haben. Andere sind hier skeptischer. Noch immer ist Sexarbeit vor dem Gesetz eine – zwar tolerierte, aber doch – sittenwidrige Handlung, kein Beruf. Das bedeutet: Es gibt für Sexarbeiterinnen keine Möglichkeit, Forderungen einzuklagen, wie den Lohn oder Mindeststandards am Arbeitsplatz Bordell. Bernadette Kramer von LEFÖ schätzt die Novelle insgesamt als weiteren Schritt in Richtung Kriminalisierung von Sexarbeit ein. Zumindest so weit wie Schweden ging man nicht, wo seit einigen Jahren ein harter Kurs gegen Freier gefahren wird. Die Idee, dadurch Sexarbeit aus der Welt zu schaffen, geht – wie mittlerweile bekannt – nicht auf. Das Verbot wirkt sich allein auf die Sichtbarkeit aus. Sexarbeit passiert dann an den „Unorten“ der Städte, wo sie sich jeglichem Zugriff entzieht – sowohl für Polizei als auch für NGOs, die sich um die Situation der Frauen bemühen. Trotzdem – eine tatsächliche Anerkennung von Prostitution als Sexarbeit, wie sie bereits in den Niederlanden und unlängst in Deutschland passierte, stellt die Novelle nicht dar. Aber soll es eine Anerkennung überhaupt geben? Gilt es nicht eher, den Verkauf weiblicher Sexualität zu beenden? Unterschiedliche Einschätzungen führen hier zu unterschiedlichen Forderungen. Gegen- und Gegen-Gegendiskurse Die GegnerInnen von Sexarbeit sehen in ihr meist bezahlte Vergewaltigung und einen pathologischen Auswuchs des Patriarchats. In solchen Texten wird das Hauptaugenmerk darauf gelegt, dass viele Frauen, die in der Branche tätig sind, dies nicht freiwillig täten und übermäßiger Gewalt ausgesetzt seien. Weiters wären es vor allem solche Frauen, die schon früh traumatische sexuelle Erfahrungen hatten – ein weiteres Indiz dafür, dass Sexarbeit keine normale Arbeit wie jede andere sei. Aus so einer Position gesehen, ist die einzig logische Forderung eine Abschaffung von Sexarbeit – sie ist ja Prostitution2. Demgegenüber etablierte sich das Sex-Workers Rights Movement. TheoretikerInnen und auch SexarbeiterInnen selbst3 richten den Fokus hier auf die miserablen Arbeitsverhältnisse und deren Veränderung. Für sie stellt sich Sexarbeit nicht per se als unmenschlich dar, sondern könne ein Job wie jeder andere sein – vorausgesetzt, die Ausübenden bekommen die gleichen Rechte wie andere. Aus dieser Richtung kommt auch die Kritik, dass Feministinnen, die sich für die Abschaffung von Sexarbeit aussprechen, nur allzu leicht in die konservative Logik von der Untrennbarkeit von Sex und Liebe verfallen. Sexarbeiterinnen wird hier die Fähigkeit abgesprochen, ihre persönliche Sexualität von einer professionellen zu trennen. Auch das Faktum, dass Sexarbeit weltweit zu einem der wenigen Berufe zählt, in dem Frauen mehr als Männer verdienen und es in Anbetracht der miserablen Arbeitsmarktsituation in manchen Ländern als rationale Entscheidung gelten kann, in die Sexarbeit zu gehen, würde hier übersehen. Aber gleich, ob man nun für die Abschaffung von Prostitution oder für ihre Anerkennung als Sexarbeit in der Zukunft eintritt: Die Lebenssituation der derzeit Beschäftigten wird sich nur dann wirklich ändern, wenn sie heute mit Rechten ausgestattet werden, die für andere Arbeiterinnen selbstverständlich sind. Zu diesem Schluss kommt auch die Politologin Birgit Sauer. Sie ist eine der Wenigen, die sich hierzulande wissenschaftlich mit dem Thema beschäftigen. Sie macht die österreichischen Verhältnisse dafür verantwortlich, dass es keine Selbstorganisation von Sexarbeiterinnen in Vereinen oder Gewerkschaften gibt. Blockiert wird eine solche Selbstermächtigung einerseits durch die reglementaristische Gesetzgebung, die Sexarbeiterinnen kriminalisiert und stigmatisiert. Andererseits konnten österreichische Sexarbeiterinnen auch nicht auf viel Rückhalt aus feministischen Kreisen hoffen, die meist die offizielle Annahme teilten, dass jegliche Sexarbeit unter Zwang stattfinde. Solche Frauen, die sich einer „Errettung“ widersetzen, müssen dann als „schlechte Opfer“ gelten, denen keine weitere Aufmerksamkeit geschenkt zu werden braucht. In Anbetracht der steigenden Zahl heimischer NGOs und Initiativen scheint sich hier jedoch ein Umdenkprozess abzuzeichnen, der in Ländern, in denen Sexarbeit heute legal ist, eine wichtige Rolle spielte – so die Politologin.
1 Falter, 5/04, „Nackte Gewalt“ von
Florian Klenk. 2 Eine wichtige Vertreterin dieses
Standpunkts ist Kathleen Barry (1995): The Prostitution of Sexuality. New
York. 3 Einige Texte dazu finden sich in:
J. Nagle (Hg.) (1997): Whores and Other Feminists, New York.
Paul Scheibelhofer ist Redakteur von Radio Stimme Diese Nachlese basiert auf der „Radio Stimme“-Sendung vom 13. Jänner 2004 (gestaltet vom Autor gemeinsam
mit Elisabeth Huber), gesendet auf Orange 94.0. |