STIMME von und für Minderheiten # 53

Alt sein – nein, danke?
von Christina Hollomey

Alt sein? Nie im Leben! Das scheinen die heutigen PensionistInnen der Gesellschaft voller Energie zu verkünden. "Mit 66 Jahren fängt das Leben erst richtig an!" – dieser Schlager wurde zum Schlachtruf für alle GreisInnen, die des Lebens nicht mehr müde werden wollen. Wenn uns das Leben aber eines gelehrt hat, dann, dass jeder Mensch einmal sterben muss und, wenn er Glück hat, vorher noch alt werden kann. Doch heutzutage will niemand mehr alt werden. Kann man nicht auch in seiner letzten Ruhestätte noch jung, dynamisch und erfolgreich wirken?

     
 

Alt zu sein ist in unserer Gesellschaft unerwünscht. Der Jugend- und Schönheitsboom hat einen anderen Menschen als den alten, lebenserfahrenen zu seinem Ideal erhoben. Von Kind an, über die wilde Jugendzeit, den Zenit des Lebens bis ins hohe Alter versucht man, sich diesem Ideal anzupassen. Hat man einmal ein gewisses Alter überschritten, scheinen diese Bemühungen zum Scheitern verurteilt. Doch, der Werbeindustrie sei Dank, Cremes gegen Fältchen hier und Wellness-Urlaube gegen Rheuma dort sollen jeden verschwendeten Gedanken ans Altwerden vernichten. In unserer Gesellschaft muss wirklich niemand mehr alt sein: Forever Young! Wer will das nicht?

Ein negativ besetzter Begriff
Über Alter wird nicht gern geredet. Und wenn, dann nur in Bezug auf andere. Alter ist ein negativ besetzter Begriff in unserer Gesellschaft. Er bedeutet, eine Last zu sein, nicht mehr zur produktiven Klasse der Gesellschaft zu gehören, nicht mehr mithalten zu können. Dabei kann der Sprung ins gesellschaftlich definierte Altsein über Nacht erfolgen. Pensionsantritt und aus! – plötzlich ist man alt und nicht mehr das wert, was man noch gestern war. Immer öfter gleicht der Pensionsantritt einem unfreiwilligen und verfrühten Sprung ins kalte Wasser. Flexibilisierungs- und dauernde Weiterbildungsmaßnahmen trennen die Spreu vom Weizen. Platz da für die jüngere Generation, die Alten haben ausgedient!

Die Pensionierung leitet eine Übergangsphase ein, in der man aus seinem gewohnten Rhythmus herausgerissen wird und noch nicht zu einer neuen Identität gefunden hat. Auf sich allein gestellt, fällt es schwer, neue Perspektiven zu finden. Man fällt in ein Loch der Orientierungslosigkeit. Zudem wird man plötzlich mit Vorstellungen von Altsein konfrontiert, welche die Gesellschaft zuschreibt, mit denen man aber noch lange nichts am Hut haben will.

Wann ist man alt?
Wie Alter definiert wird, folglich, ob Alter positiv oder negativ besetzt ist, und ab wann Menschen als alt gelten, wird entscheidend von gesellschaftlichen Vorstellungen geprägt. Altershürden werden festgesetzt, die auf der Grundlage eines objektiven Zeitbegriffes über den jeweiligen gesellschaftlichen Zustand einer Person entscheiden. In der Gesellschaft altert man nicht graduell, sondern sprunghaft: So ist man mit exakt sechs Jahren bereit für die Schule, punkt 18 vollreif, und mit dem Pensionsantritt ist man eben alt. Die gesellschaftliche Definition von Alter unterscheidet sich aber oft grundlegend von den realen Lebenswelten und Eigendefinitionen der älteren Menschen selbst. Und so ist es auch kein Wunder, dass sich immer mehr "Alte" gegen ihr gesellschaftlich zugeschriebenes Alter wehren.

Widerstand gegen gesellschaftliche "Zwangsmaßnahmen" ist gut. Das Problem ist nur die Form des Widerstandes. Es wird nicht auf ein Recht auf Alter, eine höhere Wertschätzung eines neuen Lebensabschnittes gepocht. Im Gegenteil, die gesellschaftliche Bestimmung ist so groß, dass alten Leuten nichts anderes einfällt, als wieder jung zu werden, ist das doch der einzig akzeptierte Zustand in unserer Gesellschaft. Es wird ein neuer alter Mensch geschaffen, dessen Alter einfach nicht mehr zur Sprache kommt. Und so heftet man sich jugendliche Eigenschaften auf die zittrigen Fahnen, anstatt sein Recht auf Alter wahrzunehmen und diesen Begriff positiv umzugestalten. Was hindert daran?

Menschen mit 30, 40 Jahren haben heute massenhaft Vorurteile gegenüber dem Altern. Altwerden wird möglichst weit von sich geschoben, es soll so lang wie möglich hinausgezögert werden. Dadurch wird aber erst ein Problem geschaffen, anstatt es zu lösen. In zwanzig Jahren werden jene Personen selbst zur alten Garde gehören, die sie bisher aber noch negativ bewerten. So das Dilemma, in dem unsere Gesellschaft steckt. Solange gegenwärtige und zukünftige Alte (und wer darf sich hier nicht angesprochen fühlen?) Vorurteile über ihren eigenen zukünftigen Zustand haben, ist ein Umdenken in Bezug auf Alter nicht möglich.

Genau deshalb ist es wichtig, dass alte Menschen sich zusammenfinden, Netzwerke bilden und sich verstärkt ins Bewusstsein der Allgemeinheit hineinreklamieren. Und auch die heute noch jüngere Generation muss das Tabu des Altseins brechen und sich mit ihm auseinandersetzen. Altsein ist Zukunft für jede/n Einzelne/n. Schon heute stehen die alltagsweltlichen Erfahrungen von älteren Menschen in starkem Kontrast zu gesellschaftlichen (und damit den von uns selbst produzierten) Vorstellungen. Es stellt sich damit die Frage nach einer gesellschaftlichen Neubewertung des Alters. An alten Menschen mangelt es unserer Gesellschaft nicht. Was noch fehlt, ist eine gehörige Portion Mut zum Anderssein, Mut zum Altsein!

 

Christina Hollomey, Radiomacherin bei "Radio Stimme".

Diese Nachlese basiert auf der „Radio Stimme“-Sendung vom 2. November 2004.
Diese und alle weiteren Sendungen von "Radio Stimme" sind im Internet hör- und downloadbar.