STIMME von und für Minderheiten # 58
Interkulturelle Kompetenz gegen Ethnofalle
von Bernhard Perchinig
Die aktuelle Bevölkerungsprognose der Statistik Österreich zeigt für Kärnten nichts Gutes: Schon jetzt zählt Kärnten zu den am stärksten überalterten Bundesländern.
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Im Jahr 2050 wird Kärnten den höchsten Anteil an Über-60-Jährigen (39,2 %) und den niedrigsten Anteil an Unter-14-Jährigen (11,8%) aufweisen. Wie eine Studie der Österreichischen Raumordnungskonferenz (ÖROK-Prognosen 2001 2031, Teil 1, 2004) zeigt, trifft die demografische Alterung nicht alle Regionen gleichmäßig. Während die Zahl der Unter-20-Jährigen in den Städten Klagenfurt und Villach bis 2031 um etwa ein Fünftel abnehmen wird, wird es in den Bezirken Klagenfurt-Land, Villach-Land, Völkermarkt und Hermagor um 30 bis 40 Prozent weniger junge Menschen als heute geben, die Zahl der Über-65-Jährigen wird in den ländlichen Regionen stärker ansteigen als in den beiden großen Städten. Diese demografische Entwicklung hat massive Auswirkungen auf den ländlichen Raum: Die Abnahme jüngerer Haushalte bedeutet auch einen Rückgang der wirtschaftlichen Dynamik; die Versorgungsqualität der Bewohner und der finanzielle Handlungsspielraum der Kommunen sinken. Die Kärntner Slowenen sind aufgrund ihrer Siedlungsstruktur von diesem Wandel massiv betroffen, bedeutet er doch auch das Schrumpfen der sozialen Basis für die im ländlichen Raum verankerten Kulturarbeit und eine Überalterung der in den Vereinen heute aktiven Mitglieder, während sich die schon seit Jahren zu beobachtende Urbanisierung verstärkt fortsetzen wird. Dieser demografische Wandlungsprozess selbst ist unaufhaltsam, es ist jedoch möglich, sich auf ihn einzustellen. Dazu bedarf es jedoch des Überdenkens der die aktuelle Volksgruppenpolitik prägenden Paradigmen. "Kärnten spricht Deutsch" Die slowenische Volksgruppe ist heute anders als die deutschsprachige Bevölkerung durchgängig zumindest zweisprachig. Die Wahrnehmung und der politische Diskurs erfolgen jedoch noch immer in den Kategorien des Nationalismus, in dem Sprache zum zentralen Merkmal von Zugehörigkeit erklärt und damit die Tatsache der Zweisprachigkeit verdeckt wird. Genau auf dieses nationalistische Muster wird in der von verantwortungslosen Landespolitikern inszenierten Ortstafeldebatte zurückgegriffen: die zweisprachigen Ortstafeln zu einer Bedrohung stilisieren und nicht davor zurückschrecken, durch Missachtung und Verächtlichmachen der Höchstgerichte den demokratischen Rechtsstaat zu beschädigen. Während Mehrsprachigkeit einer Region im übrigen Europa als regionaler Standortvorteil gilt, auf den zweisprachige topografische Aufschriften mit Stolz hinweisen, redet die Kärntner Landesregierung der sprachlichen Einfalt das Wort: Haiders Ethnofalle hat zugeschlagen und hält das Land in der Vergangenheit gefangen. Zweisprachigkeit als Kompetenz Nur wenige Menschen sind in der glücklichen Lage, diese Kompetenzen wie selbstverständlich mitzubekommen unter anderem genau die so genannten ethnischen Minderheiten. Allerdings verstellt gerade die Wahrnehmung als "ethnische Minderheit" den Blick darauf, dass ihre bilinguale und bikulturelle Kompetenz sie tendenziell zu einer europäischen Elite macht. Interkulturelle Kompetenz und Mehrsprachigkeit erwerben Kinder nämlich nirgends besser als in einer zweisprachigen Familie, einem zweisprachigen Kindergarten und einem zweisprachigen Schulsystem, wenn diese auch gegen Anfeindungen von außen den Wert der Minderheitensprache hochhalten und diese emotional positiv besetzen. Genau diese Chance haben viele Kinder slowenischer Herkunft heute. Internationale Konzerne, Banken oder das Außenministerium haben die Bedeutung der Mehrsprachigkeit und interkultureller Kompetenz schon lange erkannt, wie man an den sehr erfolgreichen Karrieren vieler junger Kärntner Sloweninnen und Slowenen außerhalb Kärntens sehen kann. Dass in Kärnten selbst die Bedeutung dieser Kompetenz nicht erkannt wird, ist eine treffliche Illustration für die Torheit der dort Regierenden. Angesichts der demografischen Entwicklung liegt im Fokus auf Sprachkompetenz und im Bewusstsein, dass Minderheiten tendenziell europäische Eliten sind, die sinnvollste Strategie für die Zukunft der slowenischen Volksgruppe. Eine kluge Landespolitik würde das in einer zweisprachigen Bevölkerung liegende Potenzial durch Förderung und Sichtbarmachung im öffentlichen Raum unterstützen und durch zweisprachige topografische Aufschriften stolz dokumentieren. Doch Klugheit ist wohl das Letzte, was dieser Landesregierung zuzutrauen ist.
Bernhard Perchinig arbeitet als Politikwissenschafter am Institut für Europäische Integrationsforschung der Österreichischen Akademie der Wissenschaften. |