STIMME von und für Minderheiten # 60
Die eitrige
Integration
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Unlängst trieb mich der Hunger an einen Würstelstand. Ich bestellte eine Käsekrainer, fixer Bestandteil meiner Ernährung in den früheren Zeiten, als der Dönersandwich in Wien noch nicht heimisch geworden war. Begünstigt durch das außerordentlich schöne Oktoberwetter tat ich mich gütlich an meinem Würstel mit Käsefüllung samt einem Scherzl Brot, da trat ein weiterer Kunde an den Fleischschalter, bekam eine Dose Bier und begann mit dem Standlbesitzer ein kurzweiliges Gespräch. Ich habe es mir seit geraumer Zeit zur Gewohnheit gemacht, in solchen Fällen möglichst blauhelm-neutral zu bleiben und wegzuhören, um nicht selbst in den Smalltalk verwickelt oder gar beim Beantworten einer möglichen Frage aufgrund meines hörbar unwienerischen Akzents blöd angesprochen zu werden. Fastfood vom Feinsten so eine Käsekrainer, dachte ich bei mir zwecks Zerstreuung, ideal zum Verzehr vor einem dringlichen Termin. Als meine Gedanken dann um den Fettgehalt des Nahrungsmittels kreisten, drangen zufällig einige Sinnfetzen aus dem nachbarlichen Gespräch in meine Hirnrinde ein, sodass ich den ganzen folgenden Abschnitt unweigerlich mitbekam. Der Würstelverkäufer sprach von einer schwierigen Operation, der er sich jüngst habe unterziehen müssen – wegen einer eitrigen Fistel. Angesichts der Tatsache, dass die Käsekrainer in diesen Breitengraden „Eitriche“ genannt wird, bekam die Erzählung eine ganz pikante Note. Doch da geschah etwas, was ich mir nie vorgestellt hätte: Ich aß weiter, ohne mich zu übergeben, ich schluckte meine Bissen ruhig hinunter, als hätte der Würstelverkäufer gerade vom schönen Wetter gesprochen. Dann ging ich zu meinem Termin. Das ist sicher keine appetitliche Geschichte, und während ich sie niederschreibe, dreht sich mir der Magen um. Dennoch wollte ich sie hier wiedergeben. Gewiss, es gäbe so viel anderes zu berichten. Etwa die letzten Nationalratswahlen: Kanzler Schüssel sprach kurz davor in der ORF-„Elefantenrunde“ von „6.000 Personen, die zwangsdeportiert wurden“ – um die gute Ausländerpolitik seiner Regierung zu loben. BZÖ und FPÖ haben ihre miesen rassistischen Slogans im Wahlkampf radikalisiert. Am 10. Oktober hat die „Konsensgruppe“ aus den Verbänden der Kärntner SlowenInnen und dem Kärntner Heimatdienst eine gemeinsame Feierstunde abgehalten – vor dem Mahnmal der Heimatverbände, einem nationalistisch besetzten Treffpunkt à la Ulrichsberg. Die zweisprachigen Ortstafeln warten währenddessen auf ihre Aufstellung. Die Krone erschien mit der Schlagzeile: „Rumänen wollten Fiona entführen!“ Orhan Pamuk bekam den Nobelpreis für Literatur und löste in der Türkei wie in den EU-Ländern eine heftige Kampf-der-Kulturen-Debatte aus. Hirsi Ali gab in einem Interview der Presse bekannt, dass sie in den USA mit den so genannten Neocons zusammenarbeite, weil sie von den Linken tief enttäuscht worden sei. Und in Deutschland läuft gerade eine Diskussion darüber, ob man den Begriff „Unterschicht“ verwenden dürfe – die deutsche Wochenzeitung DIE ZEIT veröffentlichte in diesem Zusammenhang ein Glossar, in dem u. a. der Terminus „Kaloriat“ vorkommt, für Übergewichtige, meist Kinder der „Unterschicht-Eltern“. Diese und weitere Themen, Sager und Schlagzeilen gäbe es zu kommentieren, allesamt im Umfeld von Minderheiten. Aber ich erzähle hier meine schäbige Erfahrung an einem Würstelstand – aus zwei Gründen. Der erste Grund liegt am Verhalten des Würstelverkäufers. Beim späteren Nachdenken ist mir nämlich etwas Bedeutsames daran aufgefallen. Stellen Sie sich einen Lehrer vor, der mit einer Kollegin vor seinen SchülerInnen darüber plaudert, wie toll die Ferien sind und wie fad die Schule. Oder eine Ärztin, die ihrer Ordinationsassistentin von ihren großartigen täglichen Lauferfahrungen berichtet – während ihr Rollstuhl fahrender Patient daneben sitzt und zuhört. Für ein solches Verhalten, das hoffentlich selten vorkommt, gibt es nur eine Bezeichnung: Verachtung der eigenen Klientel. Aber es steht noch etwas hinter derartigem Geschwätz: Unprofessionalität. Der Würstelverkäufer muss doch wissen, dass seine Abszesse für die essenden KundInnen völlig uninteressant sind, jedenfalls nicht gerade appetitanregend. Wenn er trotzdem laut darüber redet, so verachtet er diese Leute, oder aber er denkt gar nicht an die Konsequenzen seines Plauschs. Auf alle Fälle handelt er unprofessionell und verantwortungslos. Was beim Würstel ein Kopfschütteln oder eine abrupte Unterbrechung des Mittagessens nach sich zieht, kann in der Schule oder in der Ordination freilich schwerwiegendere Folgen haben. Und vor allem in der Politik. Das ist auch der erste Grund, warum ich über das Verhalten des Würstelstandbesitzers hier berichten wollte: Das Gerede vieler PolitikerInnen im Wahlkampf erinnert mich an die unprofessionelle, verachtende und verantwortungslose Haltung – ebenso wie manche Schlagzeile oder Debatte auf meiner obigen Liste. Der zweite Grund, warum ich unbedingt die Käsekrainer-Sache publik machen wollte, liegt an meiner Reaktion auf das Vorgefallene, oder richtiger: an den Reaktionen auf meine Reaktion. Als ich nämlich die Sache meinen FreundInnen erzählte, hörte ich fast einstimmig den Kommentar: „Nun bist du aber wirklich ein echter Wiener geworden.“ Nach 25 in Wien verlebten Jahren bin ich also dank einer Eitrichen endlich hier angekommen, ich bin völlig integriert worden! Integration – ein Wort wie eine eitrige Fistel! Man kann schlecht darauf sitzen, und die Rede darüber führt bisweilen zu Magenverstimmungen. Gut, dass ich nicht mitbekommen habe, an welchem Körperteil der Würstelverkäufer operiert worden ist.
Hakan Gürses |