STIMME von und für Minderheiten # 60
Es ist kein
Traum(a)!
von Jasmina Jankoviæ
Wie lässt es sich über eine Ausstellung, über ein Projekt aus der Position des Subjektes schreiben? Aus der Position der (involvierten) Betrachterin? Die Antwort ist ganz klar: subjektiv, Partei ergreifend, handelnd. Oder, um es mit Brecht zu halten: Der Zuschauer muss Partei ergreifen, statt sich zu identifizieren. Denn Betrachten heißt Handeln. In diesem Sinn ist dieser Text eine bewusst nicht neutrale und nicht objektive Handlung; er versucht, dieser Ausstellung Relevanz zu verleihen, indem er sie durch eine handelnde Betrachterin wahrnimmt und rezipiert. Und durch bewusstes Hervorheben und Auslassen Stellung bezieht.
| Wer erzieht wen? Die vierte und letzte Konfiguration des Projektes Verborgene Geschichte/n – remapping Mozart im Rahmen des Wiener Mozartjahres 2006, unter dem Titel „Es ist kein Traum!“ (Die Zauberflöte, 1. Aufzug, 19. Auftritt, Tamino): Eine vielschichtige Ausstellung, untergebracht in den Räumlichkeiten des brick-5, der ehemaligen Turnhalle einer jüdischen Schule und einem ehemaligen Fabrikgebäude, die das herkömmliche auf Objekten basierende museale Konzept der Historisierung – wie auch das ganze Projekt – in Frage stellt und durchbricht. Und gleichzeitig die drei vorhergehenden Konfigurationen unter dem Aspekt der „Historisierung als Strategie“ noch einmal aufgreift und damit gewissermaßen eine Selbsthistorisierung des Projektes betreibt. Ausgehend von den Oberbegriffen Kunst und Gesellschaft zieht sich der zeitliche Faden vom späten 18. Jahrhundert – es ist ja Mozarts Lebenszeit, und wir sind doch im Mozartjahr (übrigens, ein wahres Kunststück der ProjektmacherInnen, auf die Frage, was das überhaupt mit Mozart zu tun habe, aus dem konkreten gesellschaftspolitischen Diskurs kritisch reflektierend und positionsbezogen zu antworten) – bis zur Gegenwart. Aus der Perspektive der im späten 18. Jahrhundert autonom gewordenen Kunst wird die Frage nach ihrer gesellschaftlichen Bedeutung und erzieherischen Funktion gestellt. Und somit die Frage nach dem Verhältnis zwischen der Kunst und ihren BetrachterInnen. Unter die Lupe werden sowohl die Institutionen Schule und Museum mit ihrem normierenden Potenzial als auch nicht-institutionelle Gegenmodelle der Wissensvermittlung bzw. Wissensaneignung genommen. Denn das Ziel ist es, Gegengeschichte/n zu schreiben und einzufordern. Und da spannt sich der Bogen unter anderem zum Begriff der „militanten Forschung“, die auf der theoretischen und praktischen Ebene die Entwicklung alternativer Gesellschaftsentwürfe forciert und so den Bereich des Wissens – sprich: Betrachtens – mit jenem der gesellschaftspolitischen Kämpfe – d. h. des Handels – verknüpft. Daran knüpft einer der Ausstellungstexte mit seiner ganz klaren Sprache an: „Die immer schon viel debattierte Frage nach dem Verhältnis von Kunst und Gesellschaft, danach, ob Kunst überhaupt gesellschaftlich und politisch relevant sein kann, wird im Rahmen der sozialen Kämpfe heute wieder diskutiert. Dabei gilt es, statt einer Ästhetisierung politischer Inhalte, einer Depolitisierung durch Verkunstung, die Politisierung der Kunst und des Kunstfelds als Teil eines größeren Handlungszusammenhangs voranzutreiben. Kunst und Gesellschaft in Hinblick auf die Position der BetrachterInnen zu thematisieren, erscheint gerade im Kontext dieser Handlungsebene relevant. Während gemeinhin Betrachten mit Passivität gleichgesetzt wird, geht es hier darum, mit den Ansätzen des französischen Philosophen Jacques Rancière, Betrachten grundlegend als Handeln zu verstehen. ,Emanzipierte Betrachtung‘ vermag demnach die Trennung von Theorie und Praxis, von Intellekt und Aktivismus zu überwinden.“ Die Welt verändern„Die Philosophen haben die Welt nur verschieden interpretiert, es kömmt darauf an, sie zu verändern“ (Karl Marx). Somit führt uns Marx’ 11. These über Feuerbach weiter in den Alltag, dessen Struktur sich aus zwei gegensätzlichen Positionen gestaltet. Weiter im Ausstellungstext: „Auf der einen Seite dieses Antagonismus stehen diejenigen, die Produktionsmittel besitzen, auf der anderen jene, die aufgrund des Mangels an Produktionsmitteln den herrschenden Verhältnissen unterworfen sind. Die Unterwerfung ist zugleich – dialektisch gesprochen – auch ein Vorantreiben der Veränderung. Sie ist ein Hort der Infragestellung, des Protests, des Widerstandes und des permanenten Begehrens nach Gleichheit. Stationen dieser Entwicklung lassen sich durch politische Subjekte benennen: SklavInnen, BäuerInnen, ArbeiterInnen, Frauen, MigrantInnen … Es handelt sich um Subjektivierungsprozesse, die eine lange Vorgeschichte haben und nach wie vor in unserem Alltag präsent sind. Die Idee des ,Endes der Geschichte‘ wird somit als ein neuerlicher totalisierender Versuch entlarvt, die Antagonismen zugunsten der Besitzenden abzuschaffen. Militanz heißt in diesem Zusammenhang die Bereitschaft zu einer radikalen kompromisslosen Haltung ausgehend von den eigenen Möglichkeiten und verbunden mit der Bereitschaft zur Handlung. Diese Bereitschaft konkretisiert sich in vielfältigen Formen. Der Wille zur Veränderung ist deren wesentliche Voraussetzung.“ Kunst als HammerDie künstlerischen Arbeiten in der Ausstellung (kuratiert von Luisa Ziaja, Ljubomir Bratic´ und Nora Sternfeld als Co-Kuratorin im Bereich Erziehung; Gestaltung und Architektur – ein echter Genuss! – Eva Dertschei und Carlos Toledo), Texte, Plakate, Installationen, Videos etc. umfassen und widerspiegeln die Ansätze politischer Veränderung an der Schnittstelle von Kunst und Gesellschaft auf verschiedene Art und Weise, jedoch mit einem klaren Anspruch. Die Arbeiten von Lisl Ponger, Petja Dimitrova, Oliver Ressler, Martin Krenn, Andrea Fraser, Mladen Stilinoviæ u. a. wollen uns sagen: „Kunst ist nicht ein Spiegel, den man der Wirklichkeit vorhält, sondern ein Hammer, mit dem man sie gestaltet“ (Karl Marx). Sie stellen die Machtverhältnisse in Frage, fordern ein, provozieren, beziehen Stellung. Nun, hier werden nicht alle Arbeiten und KünstlerInnen aufgezählt und beschrieben, denn der Text mag den anderen BetrachterInnen ihre Wahrnehmung und ihr Handeln nicht vorwegnehmen. Eine Arbeit doch: Posterprojekt von Oliver Ressler mit dem Titel „Alternative Economics, Alternative Societies“. Die Idee hinter der Plakatserie ist es, Vorschläge für die Diskussion über Alternativen zum gegenwärtigen kapitalistischen System zu machen. Eine solche Gesellschaft sollte anti-hierarchisch sein, auf direkter Demokratie aufbauen und möglichst viele Menschen in Entscheidungsprozesse einbinden. Im Feld der Ökonomie würde dies zu einer Palette unterschiedlicher Modelle von ArbeiterInnen-Selbstverwaltung führen. Die Plakatserie, die bisher an öffentlichen Orten urbaner Zentren Europas und Lateinamerikas gezeigt wurde, bietet Ideen für Menschen, die über eine zukünftige Gesellschaft nachdenken. Die Plakate funktionieren als Denkanstoß. Es gilt, deutlich zu machen, dass eine wünschenswerte Gesellschaft von den Menschen aufgebaut und gestaltet werden muss, die in ihr leben. Ein Modell, das jeden Aspekt dieser Gesellschaft planen und vorschreiben will, muss scheitern. Die Poster und Plakattexte mit ihren großen und deutlich sichtbaren Schriftsätzen haben die Form von Aufrufen, die dominante Machtverhältnisse in Frage stellen und Alternativen zum kapitalistischen Herrschaftssystem zeigen. Einige der dieser Ideen wurden von Michael Albert („Participatory Economy”) und Takis Fotopoulos („Inclusive Democracy”) erarbeitet, sind Vorschläge für eine anarchistische Konsensdemokratie von Ralf Burnicki oder basieren auf Überlegungen des Theoretikers John Holloway („Change the World Without Taking Power”). Das Projekt verwendet das Poster- und Plakatformat als Arena der Imaginationen. „Imagination is a very powerful liberating tool. If you cannot imagine something different you cannot work towards it”, erklärt Marge Piercy in einem Videointerview. Die erste Präsentation der Posterserie fand im Rahmen des Projektes „Quicksand in De Pijp” (SKOR und Combiwel, kuratiert von Amiel Grumberg) statt (Amsterdam 2004). Seither wurde sie in mehreren Städten, jeweils in der Landessprache, gezeigt. In einigen Fällen war sie mit dem Ausstellungsprojekt „Alternative Economics, Alternative Societies” verbunden, so etwa in Rijeka, Karlsruhe und Lima. Während in Amsterdam rund 2000 Poster über mehrere Monate illegal plakatiert wurden, hingen in Bratislava großformatige Reproduktionen an den kommerziellen städtischen Plakatwänden, die der Billboardgallery Europe gratis überlassen und so für KünstlerInnen zugänglich wurden. In anderen Präsentationen wurden die Hausfassaden der einladenden Kunstinstitutionen für die öffentlichen Interventionen genutzt. Svi koji su ovde su odavde (Alle, die hier sind, sind von hier)Das Politische entsteht nach Rancière dort, wo Orte und Formen der Begegnung und Auseinandersetzung zwischen den hegemonialen Prozeduren der Distribution von Positionen, Funktionen und Legitimationen auf der einen Seite und dem Prozess der Infragestellung dieser Distributionen auf Basis der prinzipiellen Gleichheit aller Menschen auf der anderen Seite geschaffen werden. Und weil „wir“ gerade wieder einen Wahlkampf hinter uns haben und das Wahlrecht als Fundament der demokratischen Gesellschaftsordnung gilt, soll nicht unerwähnt bleiben, dass in dem auf diesem Fundament aufgebauten Konstrukt namens nationaler Staat die Anderen – sprich MigrantInnen – von diesem Fundament keinen Gebrauch machen können, da per definitionem ausgeschlossen. Dieser Ausschluss wird in der Ausstellung ebenfalls thematisiert. Und weil hier diese „Anderen“ keiner Betroffenheit und Psychologisierung unterzogen werden, sei hier gesagt: Es ist ja kein Traum(a). Denn wie die Subjektivisierungsprozesse, Selbstorganisation, Selbstermächtigungs-strategien mancher migrantischer Gruppen und Initiativen zeigen, soll es vordergründig nicht darum gehen, das Fundament des nationalen Konstruktes zu stärken. Eher darum, ihn partizipierend in Frage zu stellen. Hm, wie war das mit der sich in den Schwanz beißenden Katze: Parteien wählen, die dich dann regieren? Eine absurde Vorstellung, die nicht das Ziel einer möglichen neuen Welt sein kann. Oder, um es mit Marx zu halten (nein, diesmal ist es nicht Karl, sondern Groucho): Es sollen diejenigen regieren, die nicht regieren. Jasmina Jankoviæ ist freiberufliche Übersetzerin. |